Freitag, 18. April 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 26 der Fortsetzungsgeschichte

     Allmählich verlangsamte sich die Bewegung, auch der Wirbel rotierte langsamer. Peter schöpfte Hoffnung. Er spürte die Anwesenheit von Personen. Sie griffen nach ihm, pressten seine Arme und Beine zusammen. Jemand berührte seine Hände. Aber nicht, um ihm die Hand zu reichen, sondern um etwas um seine Gelenke zu legen. Es war kalt, fühlte sich wie Eisen an.
     Handschellen! Man hatte ihn in Ketten gelegt, den letzten Rest seiner Bewegungsfreiheit genommen. Um seine Füße schlangen sich noch immer die Tentakel, und an den Händen trug er nun Handschellen, beides schien miteinander verbunden zu sein. Peter konnte sich kaum noch regen.
     „Was soll das?“, rief er. „Was habt ihr vor?“
     Das Dröhnen kehrte zurück. Peter fiel auf, dass er es eine Weile nicht gehört hatte; als er durch den Wirbel gezogen wurde, hörte er zunächst nur das Rauschen eines Sturmes, später auch die Stimmen der Personen, die ihm erschienen waren und möglicherweise an die Stationen seines Lebens erinnern sollten. Aber es ging ja alles so schnell, er konnte es nicht verstehen, nicht nachvollziehen. Jetzt war das Dröhnen wieder da. Peter erkannte es als das Geräusch eines Motors, eines schweren Dieselmotors. Auch das Quietschen ertönte wieder. Ketten! Es kam von den Ketten, die um seinen Leib geschlungen waren und an ihm zerrten. Peter versuchte den Ort zu bestimmen, an dem er sich befand. War es eine Höhle? Eine offene Landschaft? Ein Wald? Ein fremder Planet? Kein Hinweis ließ sich ausmachen, nicht mal eine Schattenlinie entdeckte Peter. Eine tiefe, undurchdringliche Dunkelheit umgab ihn. Er spürte nur, dass er immer weiter fortgezogen wurde.
     „Sagt mir doch endlich, wo ich bin“, rief er. „Wo bringt ihr mich hin?“
     Er bekam keine Antwort. Die Ketten zogen ihn weiter fort, immer weiter und weiter. Peter spürte eine Veränderung unter seinem Körper, etwas Nasses, Glitschiges kam hinzu. Es fühlte sich an wie eine Art Schlamm. Ein Schlamm, wie man ihn in Sümpfen oder manchmal am Meer fand. Nur hatte dieser nichts Organisches an sich, er war dreckig und stank. Anscheinend hatte er sich mit Öl vermischt, mit altem, verunreinigtem Maschinenöl. Peter konnte es riechen, er spürte es am ganzen Leib. Metallspäne steckten in dem Öl, kleine, spitze Stücke, die erst seine Kleidung und dann seine Haut aufrissen, um ihm Schmerzen zu bereiten.
     „Na toll, ich bin in der Hölle gelandet“, sagte er zu sich selbst.
     Die Marter war damit noch nicht beendet. Peter spürte, dass sich zwischen seinen Beinen Schlamm anhäufte. Sein Körper wirkte wie ein umgekehrter Schneepflug, als er über den Boden gezogen wurde. Schließen konnte er die Beine nicht, zwischen den Füßen steckte eine Querstange. Immer größere Mengen sammelten sich an. Peter versuchte sie abzuschütteln, er drehte sich mal nach links, mal nach rechts, er stützte sich auf seinen Händen ab, soweit es die Ketten zuließen, benutzte die Ketten sogar als Werkzeug, doch es half alles nichts. Die Masse nahm stetig zu, immer mehr Schlamm türmte sich auf, wuchs zu einem Berg an. Dann löste sich eine Lawine und brach über seinen Oberkörper herein, drückte ihn nieder, erschwerte das Atmen…
     „He, aufhören! Was soll das? Ich krieg keine Luft mehr. Aufhören!“        
     Der Druck ließ nach.                     
     Für einen Augenblick fühlte er sich erleichtert, ein Teil des Schlamms fiel zur Seite. Aber ein anderer Teil fing an, sich zu bewegen. Ein Arm wuchs aus dem Schlamm heraus, griff nach seiner Kehle, drückte sie zu. Peter geriet in Panik, er fürchtete, ersticken zu müssen. Er packte den Arm und rang mit ihm, die Ketten ließen ihm gerade genug Freiraum dafür. Seine Kraft war die größere, es gelang ihm, den Arm fortzustoßen. Er bekam wieder Luft, schnappte sie gierig auf. Aber kaum war der eine Arm verschwunden, tauchten zwei, drei, vier neue auf und auch sie würgten ihn. Der Übermacht konnte er sich nicht widersetzen, sie besiegten ihn, drückten seinen Kopf in den Schlamm, schnürten ihm die Luft ab. Die Panik kehrte zurück, Peter wandte seine letzten Reserven auf, schlug und trat, biss und spuckte sogar…
     Dann aber fiel ihm ein, dass er ja bereits tot war und nicht noch einmal sterben konnte. Abrupt stoppte er all seine Bewegungen. Peter lachte. Er wehrte sich nicht mehr, ließ es einfach geschehen. Er hörte auf zu denken. Sein Kopf leerte sich, Bilder lösten sich auf, gesprochene Worte verstummten, Informationen zerrannen im Nichts. Peter empfand keinen Groll mehr, die Angst ließ nach. Er fühlte sich frei. Es gab nichts mehr, was er noch tun musste. Keinen Feind musste er mehr bekämpfen, kein Ziel erreichen und keinen Auftrag erfüllen. Alles war bereits erledigt.
     Und plötzlich hörte es auf. Die Arme rangen nicht mehr mit ihm, ließen einfach los, gaben seinen Körper frei. Sie zogen sich zurück und verschwanden in der Dunkelheit.
     „Ihr Bastarde!“, rief Peter ihnen nach. Wieder lachte er.
     Doch es war noch nicht ganz vorbei. Er wurde weitergezogen, in eine Richtung, die er nicht zu bestimmen vermochte, hin zu einem Ort, den er nicht sah, den er nicht kannte. Es dröhnte und quietschte, er spürte den Schlamm und die Metallsplitter. Auch das Gewicht zwischen seinen Beinen erhöhte sich wieder, abermals wuchsen Körperteile aus dem Schlamm heraus. Sie fügten sich zu Menschen zusammen, sie zerrten an ihm, sie drückten ihn nieder. Peter erkannte einige von ihnen. Er sah Mona, er sah Leroy, er sah einen schwarzen, verkohlten Körper, von dem er ahnte, dass es Hassan war, der in seinem Panzer einen qualvollen Tod gefunden hatte. Sie schlugen ihn, bissen ihn und kratzten ihn…
     Diesmal jedoch empfand Peter keine Schmerzen, er hatte auch keine Angst. Er wusste, dass sie ihm keinen Schaden zufügen konnten. Peter verstand sogar, warum sie all das taten. Aus denselben Gründen, aus denen auch er es getan hatte. Helenas letzte Worte kamen ihm wieder in den Sinn: Du kannst dir nur selbst vergeben. Du kannst dich nur selbst erlösen. Du tust es, indem du es tust.
     Peter schüttelte sich. Er schüttelte die Personen ab, die ihn niederdrückten. Dann beugte er sich vor, riss die Handschellen auseinander und riss die Ketten ab, die ihn fortzogen. Die Bewegung brach ab. Er stand auf und ging davon.
     Es wurde hell. Ein leises Piepen erklang. Jemand beugte sich über ihn. Er trug einen weißen Kittel und einen Mundschutz, der hohe Haaransatz wies ihn eindeutig als Mann aus.
     „Hallo, Mr. Smit. Bleiben Sie ganz ruhig. Ich bin Dr. Carlton. Sie hatten einen Unfall. Aber Sie werden wieder gesund. Wir kümmern uns um Sie.“
     Der Höllenmaschinist erwachte aus seinem Traum.


            
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