Freitag, 11. April 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 25 der Fortsetzungsgeschichte

     „Was willst du damit sagen?“
     Helena antwortete nicht. Es war nicht nötig, die medizinischen Geräte gaben die Antwort. Ein lauter Piepton erklang.             
     „Was soll das?“ Er ging zu den Geräten, sah auf die Bildschirme. Die angezeigten Werte änderten sich, die Kurven fielen ab.
     „Hast du das getan, Helena?“
     „Nein, das hast du selbst getan.“
     „Wie…“ Peter kam nicht dazu, den Satz zu vollenden.
     Die Tür wurde aufgestoßen, medizinisches Personal stürmte in das Zimmer. Eine Krankenschwester riss die Plane beiseite, ein junger Arzt schaute auf die Anzeigen. Er wirkte unschlüssig.
     „Rufen Sie Dr. Carlton“, sagte er schließlich. „Wir brauchen seine Hilfe.“
     Die Krankenschwester rannte aus dem Zimmer.
     Peter stand neben dem Bett, sah auf seinen leblosen Körper. „Tu doch was“, rief er dem Arzt ins Gesicht. „Tu doch endlich was.“
     „Er kann dich nicht hören“, sagte Helena.
     Peter wollte den jungen Mann an den Schultern packen und kräftig durchschütteln – doch seine Hände griffen ins Leere.
     „Das bringt nichts“, sagte sie. „So, wir müssen jetzt allmählich los…“ Helena machte einen Schritt in Richtung Tür.
     „Noch nicht. Ich werde mich ändern. Ich verspreche dir, ich werde mich ändern.“
     „Das kommt ein bisschen spät, mein Lieber.“
     Die Tür öffnete sich abermals. Draußen erklangen wieder jene Geräusche, die Peter bereits gehört hatte, als er den Flur erkundete, das tiefe Dröhnen, in das sich ein schrilles Quietschen einfügte, und das menschliche Wehklagen.
     Peter fiel auf die Knie, griff nach Helenas Kleid, um sich daran festzuhalten. „Noch nicht. Ich flehe dich an, gib mir eine zweite Chance.“
     Mit sanfter Gewalt löste sie sich von ihm. „Das kann ich leider nicht.“   
     Er kroch auf den Knien umher, faltete seine Hände zum Gebet und reckte sie empor. „Jesus, ich flehe dich an: Erlöse mich. Schick mich bitte nicht in die Hölle.“
     Helena schüttelte den Kopf. „Jetzt geht das wieder los. Peter, niemand schickt dich in die Hölle. Alles liegt in deiner Verantwortung.“
     Hektisch drehte er den Kopf, sah in alle Richtungen. Als er merkte, dass nichts geschah, rief er: „Buddha, hörst du mich? Hol mich zu dir ins Nirwana.“
     „Oh Mann…“
     Ein Luftzug wehte durch den Raum. Peter spürte eine Sogwirkung. Etwas zog ihn fort. Es kam aus dem Korridor und griff ins Krankenzimmer hinein. „Was passiert hier?“
     „Darf ich dir leider nicht sagen.“
     Er richtete sich auf, wollte zum Fenster rennen und hinausspringen, doch der Boden war plötzlich glatt wie Eis. Peter lief so schnell er konnte, kam dabei aber keinen Meter voran. „Mohammed! Großer Prophet! Vergib mir meine Sünden. Ich bitte dich, erlöse mich mit deiner Gnade“, keuchte er.
     „Wieder falsch“, sagte Helena. „Du kannst dir nur selbst vergeben. Du kannst dich nur selbst erlösen.“
     Der Sog wurde stärker, zog ihn langsam zur Tür. Peter bekam den Türrahmen zu fassen und hielt sich dort fest. „Aber sag mir doch, was ich tun soll! Wie soll ich es besser machen?“
     „Das weißt du längst, Peter. Du bist im Besitz aller wichtigen Informationen. Du hast auch andere Gefühle und Gedanken in dir, du musst sie nur zulassen. Du hast nicht nur Wut in dir, sondern auch Liebe, nicht nur Angst, sondern auch Mut, nicht nur ein Gefühl von Überlegenheit, sondern auch eines von Anteilnahme. Werde dir darüber bewusst und lass es geschehen. Anschließend ändern sich deine Gedanken, und mit deinen Gedanken ändert sich die Welt, in der du lebst.“
     Peter lachte. „Ja, natürlich. Ich habe alles in mir… Ich muss es nur zulassen…“
     Er lachte lauter, dabei zitterte er und schwitzte. „Aber… aber warum sagst du mir das erst jetzt, wo es auf ´s Sterben zugeht? Warum hast du mir es nicht früher gesagt, als noch Zeit war, als ich mich hätte ändern können?“ Er schrie sie an: „Warum erst jetzt?“
     „Du irrst dich, Peter. Ich habe es dir früher gesagt, wir haben es dir früher gesagt. Du wirst ständig über diese Dinge informiert. Es geschieht auf zweierlei Weise: Einmal über deine innere Stimme, die jeden Tag zu dir spricht. Das ist ein Teil von dir, der Ratschläge gibt und vorhersagt, was geschehen könnte, wenn du etwas tust oder lässt.“
     „Innere Stimme? Tut mir leid, so etwas habe ich nicht. Da muss irgendwas defekt sein bei mir…“ Mit den Fingern verkrallte er sich am Türrahmen, mit dem rechten Bein versuchte er sich an der Wand zu verhaken.
     „Jeder hat eine innere Stimme, Peter. Nur viele von euch beachten sie einfach nicht. Deshalb werden euch immer wieder weise Männer und Frauen gesandt, die euch an Dinge erinnern, die ihr schon wisst. Sie treten auf als religiöse oder politische Führer, als Künstler oder Wissenschaftler. Du kennst ihre Namen, Peter, du kennst ihre Botschaften.“
     „Ja, aber es wird doch so viel geredet, so vieles widerspricht einander. Man weiß doch gar nicht, was man glauben soll.“
     Der Sog überstieg Peters Kräfte. Er musste den Türrahmen loslassen, stürzte zu Boden und wurde in den Flur hinausgezogen.
     Helena ging ihm nach. „Weil ihr die Botschaften verzerrt, Peter. Weil ihr sie kürzt, ergänzt und abändert, so dass sie euren Wünschen entsprechen. Aber die wesentlichen Informationen kennst du.“
     „Was? Was meinst du?“
     „Erinnere dich, was Buddha Siddhartha gesagt hat, Peter. Sagte er etwa: Du sollst die Menschen in die Guten und die Bösen aufteilen, und mit den Bösen darfst du machen, was du willst. Hat er das gesagt, Peter?“
     „Nein, nein, das hat er nicht gesagt.“
     Am Ende des Flures erschien wieder die dunkle Spirale. Sie drehte sich, schneller und schneller. Ein Sturm begann zu heulen. Papierfetzen sausten durch die Luft und verschwanden im Wirbel. Es war seine Krankenakte, die sich langsam auflöste. Mit aller Kraft stemmte sich Peter gegen den Sog, er versuchte am Boden Halt zu finden, seine Fingernägel zogen Kratzspuren hinter ihm her.
     „Und was hat Jesus zum Thema Schuld gesagt? Sagte er etwa: Du sollst über jede Schuld peinlich genau Buch führen, und du sollst die Rückzahlung  jeder Schuld einfordern. Und wenn jemand seine Schuld nicht begleichen kann, dann soll er dafür büßen. Hat er das gesagt, Peter?“
     Auch die Augen waren wieder da. Peter sah nicht hin, doch er wusste, dass sie auf ihn gerichtet waren.
     „Nein, hat er nicht.“
     „Was sagte Jesus über die Schuld, Peter?“
     „Man soll vergeben… Ja, vergeben soll man sie.“ Er spürte kaltes Eisen an seinen Füßen, metallische Tentakel griffen nach ihm.
     „Und er sagte noch etwas. Jesus sagte etwas über den ersten Stein… “
     „Ja, ja, ich kenne das Gleichnis mit dem ersten Stein!“, brüllte Peter. Seine Finger rissen Brocken aus dem Boden, die augenblicklich in der Spirale verschwanden.
     „Na bitte. Du weißt alles. Also warum handelst du nicht danach?“
     „Aber wie? Wie soll ich es tun?“
     „Es ist ganz einfach. Du tust es, indem du es tust.“    
     Die Tentakel rissen ihn fort, warfen ihn in die dunkle Spirale hinein. Um Peter herum drehte sich alles, das Krankenhaus löste sich auf, Mauern und Maschinen zerfielen in winzig kleine Bruchstücke. Es ging rasend schnell, das Tempo steigerte sich sogar noch.
     „Vergebt mir!“, rief er in die rotierende Dunkelheit hinein.
     Peter suchte nach einem hellen Licht, das ihn am Ende eines Tunnels erwarten sollte, so wie er es aus den Erzählungen kannte. Doch er konnte nichts davon erkennen, kein helles Licht, keinen Tunnel, auch ein Ende von all dem kam nicht in Sicht. Er war in dem Wirbel gefangen. Peter fühlte sich rettungslos verloren, seine Hoffnung schwand.
     „Helena? Bist du hier irgendwo?“
     Niemand antwortete. Helena schien sich mit dem Krankenhaus im Nichts aufgelöst zu haben.
     „Ist hier jemand? Ein Mensch, ein Engel, irgendwer?“
     Plötzlich bildeten sich regelmäßige Strukturen. Menschliche Umrisse erschienen im Wirbel. Erst waren es nur dunkle Schattenrisse, dann hellten sie sich auf. Peter erkannte die Gesichter von Personen, die in seinem Leben von Bedeutung waren, Mona, die Kinder, seine Eltern, Freunde, Kollegen, Kameraden. Sie regten sich jedoch nicht, blickten nur stumm auf ihn herab. Zu den Menschen kamen Orte hinzu. Es waren die Orte, an denen Peter gelebt hatte, sein Elternhaus, die Schule, eine Kaserne, seine eigenen Häuser, sein Büro, alles blitzte für einen Moment auf und verschwand gleich wieder. Stimmen erklangen. Jemand sprach ihn an, Peter verstand die Worte aber nicht. Es hatte etwas mit seinem Leben zu tun, glaubte er. Anklage? Rechenschaft? Urteil? Sinnloses Geschwätz? Alles ging wild durcheinander.
     Die Kraft zog ihn weiter fort, durch den Wirbel hindurch, mit ungeheurer Macht. Peter konnte sich nicht dagegen wehren, so sehr er auch strampelte, um sich schlug, schrie und weinte, es ging immer weiter, in tiefere und dunklere Welten hinein. Ein Ende war nicht abzusehen. Peters Kraft ließ nach, sein Widerstand wurde schwächer.

Fortsetzung folgt.

Unter diesem Link finden Sie die bisher veröffentlichten Teile.


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