Donnerstag, 3. April 2014

Buchkritik: Die Weimarer Republik von Eberhard Kolb und Dirk Schumann - Oldenbourg Verlag wird schwächer


Dieses Buch wird als Standardwerk zur Geschichte der Weimarer Republik bezeichnet. Unverständlich, wenn man es gründlich analysiert. Leider gilt auch hier, was man über die meisten Bücher zu diesem schwierigen Thema sagen muss: unvollständig und unausgewogen.

Immerhin kann man den Autoren zugute halten, dass ihr Buch übersichtlich gestaltet und im Gegensatz zu anderen wissenschaftlichen Werken, die sich einer umständlichen, mit vielen Fachausdrücken gespickten Sprache bedienen, leicht lesbar ist. Das allerdings ist nicht viel, wenn man die hohen Ansprüche bedenkt, die die Herausgeber und der Autor Eberhard Kolb in ihren Vorwörtern formulieren. Sie sprechen davon einen Überblick über die zeitgeschichtliche Forschung zu geben, verlieren dabei aber den Gegenstand ihrer Forschung aus den Augen.

Die üblichen Fehler
  
Das Buch ist in drei Abschnitte gegliedert. Erstens: Eine chronologische Aufzählung der (aus Sicht der Autoren) wesentlichen Ereignisse der Weimarer Republik. Zweitens: Grundprobleme und Tendenzen der Forschung. Drittens: Quellen und Literatur. Obwohl der letzte Teil beinahe hundert Seiten (!) umfasst, bringen es die Autoren dennoch fertig, viele wichtige und zugleich brisante Fakten auszusparen. Als erstes Beispiel seien zwei Zahlen genannt: 68 und drei. Laut dem Young-Plan (beschlossen im Jahr 1929) sollte Deutschland für den verlorenen Ersten Weltkrieg bis 1987 Reparationen leisten. Da bereits seit 1919 Sach- und Geldleistungen abgeführt wurden, ergibt sich daraus eine Gesamtlaufzeit von 68 Jahren. Die Autoren schreiben auf Seite 73: „In Deutschland jedoch wurde damals der Young-Plan nicht allgemein als der Erfolg anerkannt, der er tatsächlich war.“ Diese Aussage ist höchst problematisch. Sicher, im Vergleich zu den vorherigen Plänen war der Young-Plan relativ milde. Aber die normalen Bürger schauen nicht nur auf das, was in internationalen Konferenzen verhandelt wird, auch nicht auf die Zukunftserwartungen von Politikern oder Wissenschaftlern. Wichtig für uns Menschen ist vor allem das eigene Erleben, auch das unserer Vorfahren und Nachkommen. Und da drängt sich ein ganz anderer Vergleich auf: der Deutsch-Französische Krieg von 1871/71.

Frankreich hatte diesen Krieg verloren und musste dafür Reparationen leisten – ganze drei Jahre lang. Danach erhielt das Land seine volle Souveränität zurück, die deutsche Armee gab sogar einige beschlagnahmte Waffen an den ehemaligen Kriegsgegner zurück, auch die französischen Kolonien wurden nicht von Deutschland beansprucht. Mehr noch, im folgenden Jahrzehnt setzte ein großer Wirtschaftsaufschwung bei unseren westlichen Nachbarn ein, man baute das damals höchste Gebäude der Welt – den Eiffelturm. Für den verlorenen Krieg von 1870/71 sollte also nur die Kriegsgeneration eine kurze Zeit lang zahlen. Für den Krieg von 1914-1918 sollten aber auch die Kinder und Enkel der Kriegsgeneration zahlen, also Menschen, die zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses noch gar nicht geboren waren. Das löste damals große Empörung aus – eine Empörung, die sich rechte und linke Extremisten zunutze machten.

Qualität der Forschung lässt nach

Ein weiteres Beispiel ist die Rüstung nach 1918, der Einfachheit halber hier beschränkt auf die militärische Luftfahrt. Die Siegernationen des Ersten Weltkriegs verboten Deutschland eine eigene Luftwaffe, auch Luftabwehrkanonen waren nicht erlaubt. Laut Versailler Vertrag sollten alle Nationen gleichmäßig abrüsten. Die Sieger hielten sich jedoch nicht an ihre eigene Vorgabe, sie behielten einen großen Teil ihrer Kampfflugzeuge aus dem Weltkrieg, zugleich entwickelten und bauten sie immer neue leistungsfähigere Flugzeuge. Im Falle eines neuen Krieges hätten ausländische Luftflotten Deutschland bombardieren können, ohne dass die Reichswehr eine Möglichkeit zur Gegenwehr gehabt hätte (siehe auch Militärische Luftfahrt nach 1918). Kolb und Schumann unterschlagen diese wichtigen Informationen vollständig.

Die Liste der Unterschlagungen ließe sich noch lange fortsetzen. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein anderer Vergleich. 1966 erschien im selben Verlag ein Buch mit dem sperrigen Titel „Entwaffnung und Militärkontrolle in Deutschland 1919 – 1927.“ Dem Autor Michael Salewski gelang damals ein erstaunlich mutiges und vor allem vollständiges Werk, das in dieser Form heute sicher nicht mehr erscheinen könnte. Auch dazu ein Beispiel. Da die Weimarer Republik seit ihrer Gründung von Kommunisten und Rechtsextremisten bekämpft wurde, benötigte sie eine schlagkräftige, mit ausreichend Personal, Material und Befugnissen ausgestattete Polizei – so würde zumindest jeder vernünftige Mensch argumentieren. Nicht aber die Gewinner des Weltkrieges. Sie versuchten die deutsche Polizei zu beschränken, wo immer es ihnen möglich war. Salewski liefert dazu viele Einzelinformationen und resümiert mit folgendem Zitat: „Aus all dem ergab sich für Deutschland das Fazit, dass die IMKK die völlige Auflösung der Polizei in eine undisziplinierte, für jede irgendwie größere Unternehmung untaugliche, jeder Schlagfertigkeit entbehrenden, nur noch für den Straßendienst in ruhigen Zeiten verwendbare Einzelschutzmannschaft anstrebte.“ 
Kolb und Schumann dagegen machen es sich leicht, indem sie diesen schwierigen Themenkomplex gänzlich ausklammern.  

Generation Casablanca - wie so oft

Zwei wichtige Fragen ergeben sich daraus: Wie kann es sein, dass intelligente und akademisch gebildete Menschen wie die beiden Autoren und deren Verleger ein solch eindimensionales und unvollständiges Werk schreiben und in das Verlagsprogramm aufnehmen? Und wie kann es auch noch als Standardwerk gelten? Die Antworten sind wahrscheinlich im kulturellen Umfeld zu suchen, in dem alle Beteiligten aufgewachsen sind. Kolb und Schumann sind Teil der „Generation Casablanca“, also derjenigen, die ihr ganzes Leben unter dem Einfluss der angloamerikanischen Kultur verbracht und nicht hinterfragt haben (siehe auch Casablanca - Der gefährlichste Film aller Zeiten). Für diese Menschen ist es selbstverständlich, voreingenommen zu sein, Dinge einseitig zu betrachten und nicht genau hinzusehen. Ursache hierfür ist, dass sie vom Prinzip „Teilung“ überzeugt sind. Demnach ist die Welt in einen guten und einen schlechten Teil gespalten, in Täter und Opfer, Schuldige und Unschuldige. Weil diese Überzeugung aber grundsätzlich falsch ist, müssen ihre Anhänger auch Informationen teilen, in gute und schlechte, in solche, die man veröffentlicht, und solche, die man lieber unterschlägt – in den meisten Fällen geschieht dies unbewusst.

Eberhard Kolb und Dirk Schumann unterläuft der Kardinalfehler aller gegenwärtigen Forscher: Sie betrachten die Vorgänge zu sehr aus der Perspektive der Nachgeborenen, sie versetzen sich nicht in die Personen hinein, über die sie schreiben – und urteilen. Auch aus diesem Geschichtsbuch erfährt man viel über die Autoren, aber nur wenig über die Geschichte.


Wer sich wirklich umfassend informieren will, auch über die tieferen Ursachen menschlichen Handelns, sollte dieses Buch lesen:

Die Fischnetz-Theorie - Vierte Auflage von 2013
192 Seiten - 190 Einträge im Quellenverzeichnis. Fast alle Zitate entstammen der seriösen Sachbuchliteratur.
Gedrucktes Buch EUR 11,90. E-Book EUR 5,99.
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