Sonntag, 30. März 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 23 der Fortsetzungsgeschichte

     Der Wecker klingelte um sieben Uhr morgens. Lori sprang sofort aus dem Bett. Jedoch nicht, weil es sie drängte, in der Schule etwas zu lernen, sondern um das zu vollenden, was sie am Abend zuvor angefangen hatte, bevor sie das Licht in ihrem Zimmer ausmachen musste. Lori schlug den Comic auf, blätterte bis zu ihrem Lesezeichen. Schnell fand sie sich in die Handlung hinein, es war nicht schwer, der zwölfte Teil der Geschichte bestand aus vielen, leicht verständlichen Bildern und wenig Text.
     Der Ameisenmann hatte die Freundin von Jimmy entführt und hielt sie nun in seinem Schlupfwinkel, der Ameisenburg, gefangen. Unbesorgt ging er seinem Tagwerk nach: Ausführung und Kontrolle von wissenschaftlichen Experimenten. Mit einer Armee genetisch mutierter Ameisen wollte er die Weltherrschaft erringen, schon marschierten die ersten Minimonster in seinen Terrarien. Noch waren sie klein und schwach, aber mit jeder weiteren Generation wuchsen sie ein bisschen mehr, bis sie eines Tages in der Lage sein würden, ein Auto hochzuheben und mit ihren Mundwerkzeugen wie einen Grashalm durchzubeißen. Der Ameisenmann lachte schauerlich.
     In der Ameisenburg fühlte sich der Schurke sicher, denn sie verfügte über meterdicke Mauern, Wachtürme und Kanonen und lag zudem mitten in der Roten Wüste, weitab der Karawanenrouten. Allerdings wusste er nicht, dass sein Entführungsopfer mit den Perlen ihrer Kette heimlich eine Spur gelegt hatte.                          
     Mit seinen Superkräften war es Jimmy möglich, selbst kleine Unregelmäßigkeiten in der riesigen Weite der Wüste zu entdecken. Er folgte der Perlenspur, drang in die Ameisenburg ein und stellte den Bösewicht zum Kampf. Furchtbare Schläge wurden ausgetauscht, lange schien es so, als ob zwei gleichstarke Gegner miteinander rangen, bis es dem Ameisenmann gelang, Jimmy in eine Falle zu locken: eine fleischfressende Pflanze sollte ihn töten, auch sie entstammte dem Höllenlabor. Der Held jedoch durchschaute den Trick, gerade noch rechtzeitig sprang er zur Seite, zog den Stachel des Todes aus seiner Haut und stürzte den Verbrecher mit letzter Kraft in einen Abgrund. Sein Schrei war fürchterlich.
     Auf der letzten Seite befreite Jimmy seine Freundin aus ihrem Verlies, die beiden fielen sich glücklich in die Arme. Geschafft! Das Gute hatte gewonnen, das Böse war besiegt. Obwohl das letzte Bild keinen genauen Aufschluss darüber gab, ob der Ameisenmann im Abgrund den Tod gefunden hatte, oder ob er womöglich entkommen war…
     „Lori! Komm endlich. Wir wollen frühstücken“, rief Mona von unten.
     „Ja, Mama.“ Sie schlug das Heft zu und sortierte es in einer Kiste ein, in der bereits zahllose Hefte lagen.
     Der Schultag war langweilig. Auf zwei Stunden Mathematik folgten je eine Stunde Physik, Chemie und Englisch, allesamt Fächer, die Lori nicht besonders mochte. Erst der Nachmittag versprach interessant zu werden. Geschichte stand auf dem Stundenplan. Letzte Woche hatte der Lehrer angekündigt, dass sie das Thema Pearl Harbor behandeln würden, und seitdem freute sich Lori darauf. In ihrer Familie sprach man oft über diesen Wendepunkt amerikanischer Geschichte, dessen Bedeutung nur mit der Boston Tea Party und der Schlacht von Alamo zu vergleichen war. Den feigen Angriff der Japaner auf den Flottenstützpunkt im Pazifik hatte Loris Großvater einst zum Anlass genommen, sich freiwillig zur Armee zu melden, und noch Jahrzehnte später war er für Loris Vater einer der wesentlichen Gründe, um ebenfalls Soldat zu werden. Lori trug sich mit ähnlichen Ab-sichten, wollte aber erst die Wahrheit, die ganze Wahrheit über die damaligen Ereignisse erfahren. Der Lehrer gab sich große Mühe, er hing eine Karte an die Wand, brachte ein altes Surfbrett mit und spielte zur Einstimmung etwas Hula-Musik.
     Dann ging es los, die Rollladen wurden herabgelassen, das Licht abgeschaltet und der Film lief an. Die ersten Bilder zeigten das friedliche Leben auf der Inselgruppe, Kinder bauten Sandburgen, junge Männer und Frauen badeten im Meer, Felder wurden bestellt, Früchte geerntet, das Vieh auf die Weiden getrieben, eine fröhliche Musik spielte dazu. Alle Menschen auf Hawaii waren glücklich, niemand schien etwas Böses zu ahnen. Indes zog jedoch ein dunkler Schatten am Horizont auf, legte sich unmerklich über das Inselparadies. Die Musik brach ab, Motorenlärm dröhnte aus den Lautsprechern, verstärkt durch einen dumpfen Basston. Ein Flugzeug kam hinter einer Wolke hervor, dann noch eins und noch eins, der Strom der Maschinen riss nicht ab, sie formierten sich zu riesigen Schwärmen, die den Himmel verdunkelten. Aber noch immer begriffen die friedfertigen Insulaner nicht, welche Gefahr ihnen drohte, sie jubelten den Flugzeugen sogar zu, weil sie dachten, es wären ihre eigenen.
     Plötzlich brach die Hölle über sie herein. Ohne Vorwarnung stürzten sich die Piloten mit ihren Kampfmaschinen auf die arglose Idylle herab, warfen Bomben und Torpedos ab, zerstörten Flugzeuge und Schiffe, beschädigten Hangars und Dockanlagen, setzten Häuser und Kasernen in Brand, überall liefen schreiende Menschen umher, ungezählte von ihnen erlitten Verletzungen oder gar den Tod. Erst jetzt, als klar wurde, dass man sie feige und hinterrücks angegriffen hatte, griffen sie selbst zu den Waffen und schossen zurück. Damit endete der erste Teil des Films.
     Der zweite Teil zeigte die heutige Situation auf der Inselgruppe. Inzwischen war ganz Hawaii zu einer wehrhaften Festung ausgebaut, war nicht nur Heimathafen eines der kampfstärksten Schiffsverbände der Welt, sondern auch Hauptquartier der Pacific Air Force, einer gewaltigen Luftstreitmacht, deren Einsatzgebiet von der Westküste der USA über ganz Asien bis zur Ostküste Afrikas reichte. Damit all die Soldaten auch wussten, wofür sie kämpften, hatte man ein Mahnmal über dem zerstörten Schiffsrumpf der USS Arizona errichtet. Noch Jahrzehnte nach dem Angriff trat Öl aus den Bunkern des Schlachtschiffes aus, man nannte sie die Schwarzen Tränen. Immer wenn das geschah, flossen auch bei den Besuchern Tränen der Rührung, sie verneigten sich und warfen Blumenkränze ins Meer. Der Film endete mit der eindringlichen Forderung: Niemals vergessen! Niemals Vergessen!
     Für einen Augenblick herrschte Schweigen im Klassenzimmer, keines der sonst so lebhaften Kinder wagte es, einen Ton hervorzubringen. Der Lehrer erhob schließlich seine Stimme. Er forderte die Schüler auf, ihre Gefühle zu schildern, alles frei zu sagen, was ihnen auf der Seele lag. Ein Junge sprach zuerst, er beschrieb die Wut, die ihn erfüllte, als er die Bilder sah, und die noch immer nachwirkte. Andere äußerten sich ähnlich, Wut war das meistgenannte Gefühl. Zwischen den Geschlechtern zeigten sich die üblichen Unterschiede, Mädchen sprachen auch von ihrem Mitgefühl für die Opfer, während die Jungs ihren Wunsch nach Rache äußerten, allein die Wut verband die beiden Gruppen.
     Fast zwangsläufig kamen die Kinder auf die Atombombe zu sprechen. Dem Lehrer war es zunächst nicht recht, denn sie griffen dem Lehrplan vor; er ließ sie jedoch gewähren, weil sie das Thema sehr zu beschäftigen schien. Alle waren der Ansicht, die Japaner hätten sich den Abwurf der Atombomben auf die Städte Hiroshima und Nagasaki selbst zuzuschreiben. Wer ein solches Verbrechen, den Überfall auf das friedliche Hawaii beging, hatte eine schmerzhafte Strafe verdient. Der Lehrer stimmte ihnen zu. Er besaß zwar noch viele weitere Informationen, die man hätte erwähnen können, doch er stand zu sehr unter dem Einfluss der Bilder. Er musste immerzu an die Kinder denken, die im Sand gespielt hatten, bevor die Bomben fielen. Wer weiß, was aus den Kindern geworden ist…
     Für diese Stunde sollte es genug sein. Dabei gab es vieles, was man noch hätte erwähnen können. Zum Beispiel hätte der Lehrer die geopolitische Lage im Pazifikraum Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts schildern können – und zwar aus Sicht der Japaner. Damals feierte der Imperialismus seine Hochkonjunktur, Europäer und US-Amerikaner dehnten ihren Einflussbereich über die ganze Welt aus. Auch die Japaner wurden schrittweise von den fremden Mächten eingeschlossen, kaum ein Quadratmeter der asiatischen Landmasse blieb unbesetzt, weshalb sie sich ausrechnen konnten, wann sie selbst an der Reihe wären. Von Norden her kamen die Russen, die schon unter den Zaren begonnen hatten, die riesigen Weiten Sibiriens zu erobern und in ihr Reich einzugliedern. Spätestens mit Inbetriebnahme der Transsibirischen Eisenbahn im Jahr 1916 galt dieser Prozess als abgeschlossen. Nun konnte man von Moskau mit dem Zug in eine Stadt an der Pazifikküste fahren, welche den Namen Wladiwostok trägt, was bezeichnenderweise Beherrsche den Osten heißt, ohne dass man seine Ausweispapiere vorzeigen oder auch nur umsteigen musste.
     Von Westen her drangen Völker in die Region ein, denen es aus naturgegebenen Gründen nicht möglich war, komfortabel mit der Eisenbahn anzureisen. Die Briten, Franzosen, Spanier, Portugiesen und Niederländer, in geringem Maße auch Deutsche und Italiener, benutzten daher Schiffe, zunächst ausschließlich Expeditionsschiffe, die aber verkappte Kriegsschiffe waren. An Bord gab es viel Platz für Kanonen und Drehbassen, auch für christliche Kreuze und Flaggen samt Masten, um sie in fremde Erde zu rammen. Später kamen sie dann mit Handelsschiffen, auf dem Rückweg lagen diese meist tiefer im Wasser als auf dem Hinweg. Die Eroberer betrieben eine Art Inselspringen, errichteten in Indien, China und auf dem Malaiischen Archipel kleine Herrschaftsbereiche, die sie allmählich über die gesamten Länder ausweiteten. Von Osten und Süden her kamen schließlich die Vereinigten Staaten von Amerika, um sich erst Hawaii und dann die Philippinen einzuverleiben.     
     All das beobachteten die Japaner von ihrem Logenplatz aus. Sie sahen aber nicht nur einen Prozess der gewaltsamen Landnahme, der Vernichtung eines großen Teils der Urbevölkerung und der dauerhaften Unterdrückung der Überlebenden, sie wurden auch Zeugen, wie schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen wurden, etwa Massenvergewaltigungen und Massenhinrichtungen, wobei die Opfer nicht selten ihre eigenen Gräber ausheben mussten. Verbrechen, derer man die Japaner später bezichtigte und für die sie bestraft wurden – im Gegensatz zu denjenigen, die sie zuerst begangen hatten. Eine kollektive Bestrafung der imperialen Nationen erfolgte allein durch die Achsenmächte, was eine bisher unbemerkte Ironie der Weltgeschichte darstellte. Die US-Amerikaner etwa wurden nie bestraft für die Ausrottung der Indianer, nie bestraft für die Sklaverei – die einzigen Ereignisse, die man vielleicht als Strafen hätte werten können, waren die beiden Weltkriege.
     Ebenso hätte man auch die unmittelbare Vorgeschichte des Angriffs erläutern können. Man hätte den Schülern verständlich machen können, dass die USA durch das Leih- und Pachtgesetz faktisch bereits in den Zweiten Weltkrieg eingetreten waren, lange bevor sie offiziell den ersten Schuss abgaben. Oder dass dem Kaiserreich Japan nach Verhängung des Rohstoffembargos nur zwei Möglichkeiten blieben: Entweder wirtschaftlich zugrunde gehen oder einen gewaltsamen Ausweg suchen. Oder dass die Angriffspläne der japanischen Armee schon seit Jahren bekannt waren, Briten und Amerikaner ihre Funkschlüssel gebrochen hatten und darüber hinaus in den USA politische Pläne existierten, wonach man die Japaner dazu bringen wollte, die Kampfhandlungen zu eröffnen.     
     All dies – und vieles mehr – blieb unerwähnt.

Fortsetzung folgt.

Unter diesem Link finden Sie die bisher veröffentlichten Teile.


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