Dienstag, 25. März 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 22 der Fortsetzungsgeschichte

     „Warte! Nicht weiterfahren.“
     Der Fahrer stoppte den Panzer.
     Abseits der Straße hatte Peter einen Trümmerhaufen entdeckt, der nicht in seiner Karte verzeichnet war. Sie standen etwa zwanzig Meter davon entfernt, weder der Kameramann noch die Reporterin bemerkten die Lücke zwischen den Häusern, ihr Blickfeld war zu sehr eingeschränkt. Peter überlegte, was er tun sollte. Es könnte ein Wohnhaus gewesen sein, unter einer Betonplatte erkannte er die Reste eines Autos, gelbes Blech war wie ein Blasebalg zusammengepresst. Darunter hatte sich ein dunkler Fleck gebildet, vielleicht handelte es sich um Motorenöl, vielleicht aber auch um Blut.
     „Umdrehen!“, befahl er. „Zurück zur Kreuzung. Und dann links.“
     „Kreuzung, links“, wiederholte der Fahrer.
     „Was ist los?“, wollte die Reporterin wissen.
     „Ein verdächtiges Fahrzeug am Straßenrand. Möglicherweise eine Sprengfalle. Wir sind gut geschützt, aber durch eine Explosion könnten Zivilisten gefährdet werden.“
     „Oh, danke. Sie sind so verantwortungsbewusst.“ Sie lächelte ihn an.
     Über eine Parallelstraße umfuhren sie das eingestürzte Haus. Von der nächsten Kreuzung aus war es nicht mehr weit bis zu ihrem Ziel, einem Bombenkrater am Ufer des Tigris. Bewacht wurde der Krater von einem Zug amerikanischer Soldaten, die ihre gepanzerten Fahrzeuge beinahe kreisförmig drum herum aufgestellt hatten. Zwischen den Fahrzeugen standen Marines, das Gewehr im Anschlag, in alle Richtungen spähend.
     Peter öffnete die Turmluke, salutierte und rief ihnen zu: „Hauptmann Peter Smit.“
     Einige der Wachsoldaten salutierten ebenfalls und gaben eine Lücke frei, durch die der Bradley in die Wagenburg rollte. Am Kraterrand blieb er stehen. Der Fahrer öffnete die Heckklappe, Peter war der Reporterin beim Aussteigen behilflich.
     „Stolpern Sie nicht. Da liegen Betonbrocken.“
     „Vielen Dank.“
     Die Frau sah sich um. Der Kameramann sah sich um. Beide schienen nicht begeistert zu sein. Sie richtete ihre Haare, er putzte das Objektiv seiner Kamera.
     „Was ist das Besondere an diesem Loch?“
     „Möglicherweise ist es das Versteck von Saddam Hussein.“
     „Oh, wirklich?“ Sie strahlte.
     Der Kameramann schulterte sein Arbeitsgerät und begann zu filmen.
     „Was Sie hier sehen, ist der Rest eines Bunkers“, erklärte Peter. „Seine Tiefe beträgt rund vierzig Meter, und das dort war die Deckelplatte.“ Er zeigte auf ein Gebilde, welches an einen eingestürzten Vulkankrater erinnerte, nur dass es aus zerbrochenem Beton und verbogenen Stahlträgern bestand.   
     „Vierzig Meter?“ Die Reporterin staunte.
     „So ist es. Derzeit sind Spezialisten damit beschäftigt, die Daten auszuwerten. Beachten Sie bitte auch, dass die umliegenden Gebäude fast unbeschädigt sind.“
     Der Kameramann vollzog einen weiten Schwenk. Er filmte Wohnhäuser und Ladengeschäfte, die bis auf zersplitterte Fensterscheiben, herabhängende Stromkabel und ein paar eingestürzte Mauern intakt wirkten. Sie sahen zwar recht schäbig aus, an den Fassaden bröckelte der Putz, Dächer waren mit Plastikfolie abgedichtet, doch ließ sich nicht eindeutig bestimmen, ob es sich dabei um Folgen des Krieges oder den baulichen Standard des Viertels handelte.
     „Sie sehen, das ist Bombardieren mit höchster Präzision, ein chirurgischer Eingriff, sozusagen. Die Schurken werden bestraft, die Zivilbevölkerung wird geschont.“
     „Oh, wie edelmütig.“
     „Und beachten Sie bitte auch, wo wir uns hier befinden. Es ist die Uferpromenade von Bagdad, bei schönem Wetter gehen hier Hunderte Menschen spazieren. Und genau auf der Deckelplatte des Bunkers hatte man ein Café errichtet.“
     „Nein, wie gemein.“
     „So verhält sich Saddam Hussein. Er hat seine Bunker unter Schulen, Krankenhäusern und Ausflugslokalen eingerichtet, er benutzte die Zivilbevölkerung als Schutzschild. Aber wir sind ihm nicht auf den Leim gegangen. Über Tage hinweg haben wir den Bunker aus der Luft beobachtet und zum optimalen Zeitpunkt an-gegriffen. Das Ding ist sehr stabil, allein die Deckelplatte besteht aus fünf Metern Stahlbeton. Dafür haben wir mehrstufige Raketen entwickelt, genannt Bunkerknacker. Die erste Stufe ist eine Hohlladung, die an der Oberfläche explodiert und reaktive Panzerungen und Ähnliches beseitigt. Dann kommt ein Pfeil aus Wolframkarbid, der die Decke durchschlägt, und zum Schluss kommt eine weitere Ladung Sprengstoff, die im Inneren des Bunkers explodiert. Das überlebt niemand.“
     „Großartig!“ Die Reporterin klatschte in die Hände.
     „Ja, wir haben Saddam Hussein seiner gerechten Strafe zugeführt. Möglicherweise wird man noch heute seine Leiche aus diesem Loch ziehen.“
     „Das wäre fantastisch. Und wir sind live dabei.“
     Die Reporterin ging in Position. Sie stellte sich an den Kraterrand, klopfte vorher aber noch den Staub von ihrer Schutzweste und strich ihren Rock glatt. Auch der Kameramann und der Tonmann arbeiteten konzentriert, sie maßen die Licht- und Geräuschverhältnisse und stellten ihre Geräte darauf ein. Gemeinsam drehten sie eine Reportage, die noch am selben Abend in der halben Welt ausgestrahlt werden sollte.
     Peter beobachtete jeden ihrer Arbeitsschritte. Die Reporterin redete wieder Unsinn, sie brachte Informationen durcheinander, sprach Fachbegriffe falsch aus und wäre beinahe in den Krater gefallen. Aber sie hatte wirklich schöne Beine…
     Der Staub der Erinnerung verzog sich.
     „Willst du immer noch behaupten, eure Gesellschaft sei frei und ehrlich?“, fragte Helena. „Lebt ihr wirklich in einer Demokratie?“
     „Das ist etwas anderes“, verteidigte sich Peter. „Damals war Krieg. Im Krieg ist Desinformation eine Waffe wie ein Panzer oder eine Rakete.“
     „Der Krieg war seit einem Tag vorbei, Peter.“
     „Ja, aber der Krieg an der Heimatfront ging weiter. Damals gab es viele Politiker und viele Medienleute, die den kämpfenden Männern und Frauen in den Rücken gefallen sind, die falsche Informationen und einseitige Meinungen verbreitet haben. In einer solchen Situation ist es durchaus legitim, die Öffentlichkeit zu beeinflussen – schließlich geht es um die Freiheit.“
     „Falsch, gerade in einer solchen Situation darf die Öffentlichkeit nicht beeinflusst werden. Gerade dann, wenn ihr von Vätern und Müttern verlangt, ihre Söhne und Töchter in den Krieg zu schicken, müsst ihr schonungslos offen und ehrlich sein. Jeder Bürger muss im Besitz aller wesentlichen Informationen sein, muss den politischen Prozess nachvollziehen können, so definiert ihr selbst den Begriff Demokratie. Aber es geschieht genau das Gegenteil davon. Die wesentlichen Informationen gelangen niemals an die Öffentlichkeit, sie sind nur einer kleinen Gruppe von Menschen zugänglich, Regierungsmitgliedern, Militärs und Geheimdienstleuten. Und das Tollste ist: Ihr seid auch noch damit einverstanden! Ihr findet es akzeptabel, wenn man euch Informationen vorenthält, wenn ihr manipuliert und belogen werdet. Und wenn es euch notwendig erscheint, macht ihr sogar dabei mit – so wie du es in Bagdad getan hast.“
     „Aber es geht doch nicht anders! Der Feind muss besiegt werden. Nur so lässt sich der Kreislauf von Gewalt und Krieg durchbrechen. Nur so lässt sich eine bessere Welt erschaffen.“    
     „Eben nicht. Auf diese Weise setzt ihr den Kreislauf fort. Erst erschafft ihr das Ungeheuer, dann füttert ihr das Ungeheuer, zugleich schürt ihr die Angst vor dem Ungeheuer, und schließlich verlangt ihr von euren Söhnen und Töchtern, das Ungeheuer zu töten. Ihr zwingt die jungen Menschen, eure Fehler zu wiederholen. Jahr um Jahr, Generation um Generation. Vielleicht werden deine Kinder eines Tages gegen Hassans Kinder kämpfen.“
     Er schüttelte energisch den Kopf. „Nein, das darf nicht sein. Das wird nicht geschehen.“
     „Was macht dich da so sicher, Peter? Deine Kinder denken so wie du. Sie sehen die Welt so wie du. Wer kann es ihnen verübeln? Weißt du, wie viele Bilder von Gewalt und Krieg jeden Tag im Fernsehen gezeigt werden? Weißt du, mit wie vielen negativen Informationen ihr die Gehirne eurer Kinder füttert?“
     „Aber so ist die Welt nun mal. Was sollen wir denn sonst tun? Sollen wir den Kindern etwa eine heile Welt vorgaukeln?“
     „Der Begriff Vorgaukeln ist in diesem Zusammenhang nicht angemessen. Kinder reflektieren ihre Umgebung. Erleben sie eine heile Welt, dann übertragen sie diese in ihre eigene Welt. Erst im Spiel, später im richtigen Leben. Erleben sie jedoch eine Welt, die dumm, rachsüchtig und gewalttätig ist, dann wird auch das Konsequenzen haben.“
     „Das mag sein. Aber selbst wenn man alles Böse von den Kindern fernhält, werden sie eines Tages doch darauf stoßen. Sie werden sehen, dass es Menschen gibt, die stehlen, vergewaltigen und morden. Darauf muss man sie vorbereiten.“
     „Richtig, Peter. Ihr müsst die Kinder darauf vorbereiten, indem ihr ihnen die ganze Geschichte erzählt, damit sie die Ursachen erkennen und auflösen.“
     „Dafür ist die Schule zuständig. Meine Kinder besuchen die besten Schulen des Landes. Dort bringt man ihnen kritisches Denken bei.“
     „Im Gegenteil, das kritische Denken wird ihnen abgewöhnt. In den entscheidenden Bereichen lehrt man sie blinden Glauben, bestenfalls Pseudokritik. Die Golfkriege etwa werden im Geschichtsunterricht sehr knapp behandelt, die Vorgeschichte, über die wir vorhin gesprochen haben, wird von den Lehrern überhaupt nicht erwähnt, sie reduzieren alles auf ein einfaches Schwarz-Weiß-Muster. Es ist nur folgerichtig, dass die Kinder so handeln wie ihre Eltern. Erinnerst du dich, deine Tochter Lori hat bereits davon gesprochen, nach ihrem Schulabschluss zur Armee zu gehen.“
     „Ausgeschlossen.“ Wieder schüttelte er den Kopf. „Das wird nicht geschehen.“
     „Wieso nicht? In eurer Armee dürfen auch Frauen dienen. Sie dürfen Flugzeuge fliegen und Panzer fahren. Warum nicht auch deine Tochter? Ihr habt die Weichen gestellt, Peter. Lass uns doch mal einen Tag im Leben von Lori betrachten. Einen ganz gewöhnlichen Tag…“
     Peter und Helena kehrten in die Villa zurück.

Fortsetzung folgt.

Unter diesem Link finden Sie die bisher veröffentlichten Teile.


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