Mittwoch, 5. März 2014

Buchkritik: Blond war der Weizen der Ukraine von Marie Fürstin Gagarin


Der Konflikt um die Ukraine macht uns wieder einmal deutlich, wie wenig wir von diesem Land in Osteuropa und seiner wechselhaften Geschichte wissen. Marie Fürstin Gagarin hat die Verwicklungen am eigenen Leib erfahren. 1904 wird sie in eine alte russische Adelsfamilie hineingeboren, ihre Kindheit und Jugend verbringt sie auf einem Landgut in der westlichen Ukraine. Mit ihren Geschwistern verlebt sie unbeschwerte Tage: Die Kinder erfinden eine eigene Sprache, tollen über blumengesäumte Wiesen, gehen auf Schatzsuche, bauen Höhlen, spielen mit ihren Tieren und klettern auf Bäume. Gleichzeitig erhalten sie aber auch eine gute Schulbildung von den Hauslehrern, neben ihrer Muttersprache Russisch wird ihnen Französisch, Englisch und Deutsch beigebracht. Für Angehörige der russischen Oberschicht ist es selbstverständlich, Kontakte ins Ausland zu pflegen, selbst auf Reisen zu gehen oder in fremden Ländern zu leben.

Eine unabhängige Ukraine gibt es zu dieser Zeit nicht. Das Land ist aufgeteilt zwischen dem zaristischen Russland und dem Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn. In Podolien, der Heimat von Marie Fürstin Gagarin, siedeln damals Ukrainer, Russen, Polen, Juden und Deutsche. Meist lebt man friedlich nebeneinander, man unterhält Kontakte, grüßt sich, plaudert, macht Höflichkeitsbesuche, doch zu einer echten Vermischung der Volksgruppen kommt es nicht. Jede Gruppe versucht ihre kulturelle Identität zu wahren, man wohnt in eigenen Dörfern oder Stadtvierteln, trägt eigene Kleidung, spricht die eigene Sprache - und man pflegt die Vorurteile gegenüber den Nachbarn.

Multikulti - nur oberflächlich

Wie instabil diese Gesellschaft war, zeigte sich beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Zunächst gibt man sich patriotisch. Maries Onkel Rotislaw meldet sich freiwillig zur kämpfenden Truppe, ihr Vater wird Offizier der Reserve. Die russische Armee erleidet verheerende Niederlagen, das Riesenreich kann nicht effektiv geschützt werden. Bald marschieren die Ungarn in Podolien ein - und damit beginnt der Zerfall von Maries heiler Welt. Die Husaren plündern das Schloss und versuchen es vor ihrem Abzug anzuzünden, zum Glück erlischt das Feuer bevor es ernsthaften Schaden anrichtet. Gerettet sind die Gagarins damit nicht. Kämpfe brechen aus, alte Konflikte zwischen den Volksgruppen werden ausgefochten. Nacheinander ziehen deutsche, österreichische und polnische Truppen durch Podolien, dazu kommt die ständige Furcht vor den Roten Garden der Oktober-Revolution, die in anderen Landesteilen wüten.

Ein kurze Phase der Erleichterung bringt schließlich die Besetzung der Ukraine durch die deutsche Armee. Frieden kehrt ein ins Land, es herrschen Ruhe und Ordnung, die öffentliche Verwaltung nimmt ihre Arbeit auf, Eisenbahnen verkehren wieder. Es kommt sogar noch besser: Durch den Friedensvertrag von Brest-Litowsk (abgeschlossen zwischen Deutschland und Russland) erhält die Ukraine - zum ersten Mal in der Geschichte - ihre Unabhängigkeit.

Ukraine wird Spielball der Großmächte

Es ist erstaunlich, wie negativ der Vertrag von Brest-Litowsk heute von der Geschichtsforschung beurteilt wird. Man spricht von einem Gewaltfrieden, durch militärischen Vormarsch erzwungen, angeblich soll der Vertrag noch härter gewesen sein als der Versailler Vertrag. Die Menschen, die damals lebten, sahen das ganz anders. Obwohl Marie Fürstin Gagarin selbst eine ethnische Russin war, erfüllt von Nationalstolz, schreibt sie auf Seite 169: "Eine ungenaue und sich ständig veränderte Grenzlinie teilte Russland derzeit (Anfang 1918) in zwei Hälften. Wir in der Ukraine schätzten uns glücklich, in der guten Hälfte zu leben."

Leider blieb es nicht dabei. Deutschland hat bekanntlich den Ersten Weltkrieg verloren, mit Unterzeichnung des Waffenstillstandes wurde der Friedensvertrag annulliert - und damit begann die Katastrophe. Sofort flammte der Bürgerkrieg wieder auf, er dauerte bis 1920 und wurde schließlich von den Bolschewisten gewonnen. Parallel tobte der Polnisch-Ukrainische Krieg, den die Polen siegreich beendeten. In der Folge musste der westliche Teil der Ukraine an Polen abgetreten werden, der östliche an Russland - die freie Ukraine hörte auf zu existieren. Für die Bevölkerung begannen furchtbare Jahre. Sowohl Polen als auch Russen unterdrückten die Ukrainer, sie durften ihre Kultur nicht mehr pflegen, ihr Land wurde enteignet und vieles mehr. Im östlichen Teil der Ukraine kam es sogar zum Holodomor, einer Hungerkatastrophe, die Millionen Menschenleben forderte.

Marie Fürstin Gagarin bekam davon nicht viel mit, denn sie hatte ebenso wie viele andere Ukrainer ihre Heimat für immer verlassen. Als junge Frau begann sie ein Studium in Tschernowitz, damals zu Rumänien gehörend, später lebte sie in Berlin und Paris. In Frankreich brachte sie auch ihre Töchter zur Welt, eine von ihnen wurde unter dem Namen Macha Méril eine bekannte Schauspielerin.

Kontrafaktische Geschichte

Einige interessante Fragen stellen sich in diesem Zusammenhang: Was wäre gewesen, wenn die Alliierten den Friedensvertrag von Brest-Litowsk nicht aufgehoben hätten? Was wäre gewesen, wenn sie die polnische Armee nicht mit Waffen und Munition unterstützt hätten? Wahrscheinlich wäre die Geschichte friedlicher verlaufen. Polen, Finnland, Weißrussland, die baltischen Staaten und die Ukraine hätten ihre Unabhängigkeit bekommen - ohne Blutvergießen. Die Macht der Sowjetunion wäre wesentlich geringer gewesen. Vielleicht wären uns auch der Zweite Weltkrieg und der Kalte Krieg erspart geblieben.

Zum Verständnis der Lage in Osteuropa ist Blond war der Weizen der Ukraine auf alle Fälle besser geeignet als der ganze Nazi-Kitsch, der unseren Buchmarkt überflutet. Leider ist das Buch derzeit nur antiquarisch erhältlich. Eine Neuauflage wäre wünschenswert.
    
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