Donnerstag, 27. Februar 2014

Verdrängte Geschichte Teil 2: Strategie im Luftkrieg nach 1918

Vickers Vimy

Wie konnte der Nationalsozialismus zu einer Massenbewegung werden? Warum wurden so viele Deutsche und Menschen anderer Nationalitäten zu Hitlers willigen Vollstreckern? Trotz intensiver zeitgeschichtlicher Forschung sind diese Fragen bis heute nur unzureichend beantwortet. Hauptursache dafür ist zweifellos, dass weite Bereiche unserer Geschichte immer noch mit einem Tabu belegt sind. Wissenschaftler, Journalisten, Blogger und interessierte Bürger trauen sich nicht, heikle Themen aufzugreifen und zu diskutieren. Allerdings kann man den jungen Menschen keinen Vorwurf machen - denn viele der wichtigen Informationen sind heute nicht mehr zugänglich. Dieser Text soll zur Aufklärung beitragen, indem er die Strategie im Luftkrieg nach 1918 (stellvertretend für viele weitere Themen) ansatzweise beleuchtet.

     In den 1920er Jahren entstanden neue Strategien des Luftkriegs. Sie sahen vor, den Krieg tief ins Hinterland des Feindes zu tragen, neben militärischen und wirtschaftlichen Zielen sollten ausdrücklich auch Zivilisten bekämpft werden, neben herkömmlichen Sprengbomben sollte auch Gas zum Einsatz kommen. Die bekanntesten Luftstrategen hießen Giuilo Douhet (QV 124), Hugh Trenchard (QV 125), Basil Liddell Hart (QV 126) und William Mitchell (QV 127). Sie stammten aus Italien, Britannien und den USA und waren einflussreiche Theoretiker, deren Konzepte von vielen Armeen der Welt nachgeahmt wurden.

Die neuen Kriegstreiber

Die Kriege der Zukunft beschrieben sie folgendermaßen: „Der erste war der italienische General Giulio Douhet, der 1921 der Öffentlichkeit ein Buch mit dem Titel Il domino dell´ avia (dt. Luftherrschaft) vorlegte. (…) Als mögliche Ziele nannte er industrielle und kommerzielle Einrichtungen, wichtige Gebäude, Nachrichtenwege und die Zentren des Zivillebens. Er glaubte, dass ein feindlicher Staat durch diese Art von Angriff physisch und geistig gelähmt werden könne; der Armee und der Flotte solle nur die Rolle des Aufräumens bleiben.“

 „1919 wurde Trenchard Stabschef der Royal Air Force. (…) In seinem Bericht über die IAF behauptete er, dass die moralische Wirkung der Bombardierung zu der materiellen zweifellos im Verhältnis zwanzig zu eins steht.“

 „Der zweite Teil des Buches The Remaking of Modern Armies befasst sich mit dem psychologischen Ziel der neuen Kriegsführung, dem moral objective. (…)
Wie Douhet, Trenchard und Fuller erklärte er (Liddell Hart), dass der Luftkrieg vielleicht das beste Mittel sei, um den Willen des Feindes zu vernichten und empfahl gleichzeitige Angriffe auf die Bevölkerungszentren.“

„Sein erstes Werk, Winged Defence, erschien kurze Zeit nach seinem Abschied aus der Armee. (…) Auch er (William Mitchell) glaubte fest an die moralische Wirkung der Luftwaffe, besonders weil sie in der Lage war, den Krieg tief ins Hinterland des Gegners zu tragen.
In Zukunft wird die bloße Drohung, eine Stadt zu bombardieren, dazu führen, dass sie evakuiert wird und jede Arbeit in den Fabriken aufhört. (…) Es ist unnötig, dass (…) Städte in dem Sinn vernichtet werden, dass jedes Haus dem Erdboden gleichgemacht wird. Es genügt, die Zivilbevölkerung zu vertreiben, so dass sie ihre üblichen Tätigkeiten nicht mehr ausführen kann. Dazu genügen einige Gasbomben.“

Leere Drohungen?

Dass die Herren es ernst meinten, zeigten die damaligen Kriegsschauplätze: Italiens Armee kämpfte gegen Aufständische in Libyen, die Briten taten dasselbe u.a. im Irak, die USA verteidigten ihre Interessen u.a. in Nicaragua (auch bekannt als banana wars). Bei all diesen Konflikten kam es zu schweren Luftangriffen auch gegen die Zivilbevölkerung, die Italiener und die Briten (QV 128) setzten sogar Giftgas ein. Genaue Informationen darüber sind heute nicht mehr bekannt. Sicher ist nur, dass die Zahl der Opfer (Tote, Verletzte, Vertriebene) in die Hunderttausende ging.

Was hat all das nun mit Deutschland und dem Aufkommen des Nationalsozialismus zu tun? Ganz einfach. Deutschland war zu dieser Zeit militärisch nahezu wehrlos. Die Reichswehr durfte offiziell weder Jagdflugzeuge noch Kanonen zur Flugabwehr besitzen (siehe auch Verdrängte Geschichte Teil 1). Die Menschen, die damals lebten, konnten sich noch sehr gut an den Ersten Weltkrieg erinnern, der nur wenige Jahre zurück lag. Sie konnten sich deshalb ausmalen, was geschehen würde, wenn ein neuer Krieg ausbrechen würde.
        
Demokratische deutsche Politiker versuchten in dieser Zeit immer wieder, ihrem Land zu voller Gleichberechtigung zu verhelfen - auch was die Stärke seiner Armee anging. Jeder dieser Versuche wurde von den Politikern aus den Gewinnerstaaten des Weltkriegs abgeschmettert. Es gab zwar völkerrechtliche Garantien, etwa die Verträge von Locarno, doch angesichts der vielen bereits gebrochenen Versprechen wirkten diese nicht sehr beruhigend. Angesichts der Meldungen von den Kolonialkriegen, von neu entwickelten Waffensystemen (u.a. Flugzeugträger) und neuen Militärstrategien musste sich das deutsche Volk mit Recht bedroht fühlen. Letztlich profitierte von der alliierten "Sicherheitspolitik" vor allem einer: Adolf Hitler.


Hier zeigt sich eine interessante Parallele zur heutigen Situation. Immer häufiger kommen in Konflikten bewaffnete Kampfdrohnen zum Einsatz. Besonders die USA treten dabei unrühmlich hervor, ihre Drohnen töteten bereits Tausende Menschen, darunter viele Zivilisten (auch hier sind keine genauen Zahlen bekannt). Die Welt wird dadurch aber nicht sicherer, das Gegenteil ist der Fall. Zum einen radikalisieren sich Menschen in Konfliktgebieten. Wieder einmal macht sich das Gefühl breit, einem übermächtigen Gegner schutzlos ausgeliefert zu sein. Für Terrorgruppen kann es keine bessere Werbung geben.

Zum anderen ist dadurch ein neues Wettrüsten entstanden. Überall auf der Welt werden neue Kampfdrohnen entwickelt. In China beispielsweise arbeiten Techniker derzeit an dem Modell "Scharfes Schwert", ein Waffenträger mit Tarnkappeneigenschaften. Frankreich und Britannien bauen zusammen die Drohne Male (Medium Altitude, Long Endurance = mittlere Höhe, hohe Ausdauer). Man muss kein Prophet sein um zu sagen, dass diese vergleichweise billigen Waffensysteme früher oder später auch benutzt werden. 

Terminator wird Wirklichkeit

Vielleicht schweben Kampfdrohnen eines Tages auch über unsere Köpfe. Wahrscheinlich wird es ganz harmlos beginnen. Drohnen sollen die Sicherheit erhöhen. Argumente lauten: Beobachtung des Straßenverkehrs, Schutz vor Waldbränden usw. Später kommt die Verfolgung von Straftätern hinzu. Schließlich wird man Waffenmodule in die fliegenden Roboter integrieren. Dann muss der Operator nur noch ein paar Knöpfe drücken und er kann jeden Menschen an jedem Ort der Welt töten.

Das klingt unvorstellbar? Für die Menschen in den 1920er Jahren war es auch kaum vorstellbar, dass Flugzeuge wie die Vickers Vimy (und ihre Nachfolgemodelle) halb Europa in Schutt und Asche legen könnten. Und doch ist es geschehen - nur wenige Jahre später.

Lesen Sie in diesem Zusammenhang bitte auch den ersten Teil dieser Reihe: Militärische Luftfahrt nach 1918

Ein großer Teil dieses Textes ist dem Buch Die Fischnetz-Theorie entnommen. Die QV-Nummern beziehen sich auf die Einträge im Quellenverzeichnis.
 


 



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