Donnerstag, 13. Februar 2014

Verdrängte Geschichte Teil 1: Militärische Luftfahrt nach 1918

Vickers Virginia

Warum existiert so viel Leid auf der Welt? Warum kommt es immer wieder zu Kriegen, zu Gewaltherrschaft und Flüchtlingsdramen? Einer der wesentlichen Gründe ist sicher, dass wir unsere eigene Geschichte nicht kennen. Die Situation erscheint kurios: Noch nie wurde so viel über die Geschichte nachgedacht, wurden so viele Bücher und Artikel darüber geschrieben, so viele Filme gedreht - und trotzdem gab es wahrscheinlich noch nie eine Generation, die so dumm und unwissend war wie unsere.

Ein Beispiel dafür ist die militärische Luftfahrt. In den meisten Geschichtsbüchern klafft ein schwarzes Loch zwischen 1918, dem Ende des Ersten Weltkriegs, und 1936, dem Jahr, in dem die deutsche Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg erschien. Über das, was dazwischen geschah, gibt dieser Text teilweise Auskunft:


        Durch den Versailler Vertrag wurde Deutschland eine eigene Luftwaffe verboten. Artikel 198: „Deutschland darf Luftstreitkräfte weder zu Lande noch zu Wasser als Teil seines Heereswesens unterhalten.“ Genaue Zahlen über die Flugzeugbestände der Briten, Franzosen usw. sind nicht bekannt, verschiedene Quellen widersprechen einander, eine ernsthafte Forschung findet auf diesem Gebiet nicht statt. Deshalb seien exemplarisch einige Flugzeugtypen genannt.
     Das britische Modell Bristol F2 B „Fighter“ etwa wurde von 1916 bis 1926 in mindestens 4.470 Exemplaren gebaut (QV 116). Ab 1924 stand die Vickers Virginia in Diensten der Royal Air Force. Dieser schwere Bomber besaß eine Reichweite von 1.500 km – damals ein hervorragender Wert (QV 117). Von den Territorien der verbündeten Nationen Frankreich oder Polen hätte die britische Luftwaffe problemlos das Ruhrgebiet oder Berlin bombardieren können. Die deutsche Armee hätte keine Möglichkeit zur Gegenwehr gehabt, denn sie durfte weder Jagdflugzeuge noch Kanonen zur Flugabwehr besitzen (QV 113). Allenfalls ein tief fliegendes Flugzeug hätte man vielleicht mit einem Gewehr oder einem in die Luft geschleuderten Stein erwischen können – das wäre aber ein echter Glückstreffer gewesen.
     Der französische Hersteller Bréguet entwickelte ab 1920 sein Modell XIX, die Serienproduktion begann 1924. In Frankreich baute man rund 1.100 Maschinen als Bomber und Aufklärer, einschließlich der Lizenzproduktion wurden zwischen 1.800 und 2.000 Exemplaren hergestellt (QV 118). Sehr erfolgreich war auch die französische Potez 25. Der Prototyp dieses Aufklärers flog erstmals 1925. In der Schweiz wurde die Maschine als Fernaufklärer und leichter Bomber benutzt, in Rumänien als Aufklärungsbomber (QV 119).
     Zum sowjetischen Rüstungsprogramm gehörten auch Ausbau und Modernisierung der Luftstreitkräfte. Die Polikarpow R-1, einsetzbar u.a. als Bomber und Erdkampfflugzeug, wurde von 1923 bis 1930 in 2.800 Exemplaren gebaut (QV 120). Das Nachfolgemodell der R-1, die Polikarpow Po-2, flog erstmals 1928. Sie zählt zu den erfolgreichsten Militärflugzeugen, insgesamt wurden etwa 40.000 Stück gebaut (QV 121). Langstreckenbomber wurden auch in der Sowjetunion entwickelt. Die Tupolew TB-1 (Erstflug 1925) besaß eine Reichweite von 1.000 Kilometer. Das Nachfolgemodell TB-3 (Erstflug 1930) brachte es bereits auf 2.200 Kilometer. Auch damit hätte man problemlos Berlin erreichen können (QV 122).

Deutschland war wehrlos

     Aus all diesen Informationen lässt sich nicht ermitteln, wie viele Kriegsflugzeuge Deutschlands Nachbarn tatsächlich besaßen. Zwei wichtige Umstände müssen berücksichtigt werden:
1. Eine unbekannte Anzahl von Flugzeugen aus dem Ersten Weltkrieg wurde nicht verschrottet, sondern weiterverwendet.
2. Niemand war damals ehrlich. Auffällig ist z.B. die hohe Anzahl von „Aufklärungsflugzeugen“. Diese Maschinen sind in der Regel unbewaffnet und können auch für zivile Zwecke benutzt werden. Man kann sie aber ebenso leicht zu Jägern oder Bombern umbauen. Ähnliches geschah auch mit Verkehrsflugzeugen, wie etwa der dreimotorigen Fokker F-VII (Serienbau von 1925-1930, QV 123). Man muss davon ausgehen, dass Deutschlands ehemalige (und aus damaliger Perspektive vielleicht auch zukünftige) Kriegsgegner viele Tausend Kampfflugzeuge besaßen, während die Reichswehr offiziell nicht über ein einziges Flugzeug und auch über keine Flugabwehrkanone verfügen durfte. Das Land wäre angreifenden Luftflotten schutzlos ausgeliefert gewesen.

Doppeltes Ungleichgewicht
    
   Interessanterweise sind diese Informationen heute völlig in Vergessenheit geraten. Die deutsche Rüstung nach 1933 hingegen ist sehr umfangreich erforscht und dokumentiert. Als Beispiel soll das Jagdflugzeug Messerschmidt Me 109 (Erstflug 1935) dienen. Wer bei Google das Stichwort Me 109 eingibt, bekommt 756 Millionen Treffer gemeldet. Wohlgemerkt - es handelt sich hierbei nur um ein (!) Flugzeugmodell.

    In den 1920er Jahren gab es in Europa mehr Soldaten und Kriegsgerät als 1914, bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Es bestand nur ein wesentlicher Unterschied: Über neunzig Prozent der Soldaten und der Ausrüstung befanden sich in der Verfügungsgewalt der Kriegsgewinner (ehemalige Entente und Verbündete), weniger als zehn Prozent befand sich in Händen der Kriegsverlierer (Deutschland, Österreich, Ungarn).

    Das Abrüstungsgebot jedoch, das ebenfalls im Versailler Vertrag enthalten ist, galt auch für die Gewinner des Weltkriegs. Auch sie hätten ihre Armeen reduzieren müssen.

Wer hat wirklich davon profitiert?

    Dabei muss man sich vor Augen halten, dass all das nicht in einer langen Friedensphase geschah, sondern unmittelbar nach dem schlimmsten Krieg, den die Menschheit bis dahin erlebt hatte. Jeden Tag sah man Kriegsversehrte auf den Straßen. Männer, denen Arme oder Beine fehlten, die erblindet waren und ihren Lebensunterhalt durch Betteln oder Hausieren verdienten. Jeden Tag sah man unterernährte Kinder, die durch die Hungerblockade der Alliierten besonders gelitten hatten und in ihrer Entwicklung zurückgeblieben waren. Jeder Mensch - ob Soldat oder Zivilist - erinnerte sich an die Schrecken des Weltkriegs.

    Damit nicht genug. Die Kriegsgewinner verhielten sich äußerst aggressiv gegenüber den Verlierern. Sie stellten überharte Reparationsforderungen, die die Verlierer und ihre Nachkommen über Jahrzehnte hinweg geknechtet hätten. Sie verlangten Gebietsabtretungen, sie vertrieben Menschen aus ihrer Heimat und unterdrückten Minderheiten. Auch darüber wissen wir heute fast nichts mehr.

    Und in dieser Situation trat ein Demagoge aus Österreich auf, der versprach: "Ich mache euch wieder stark! Ich gebe euch das, was euch die anderen verweigern!"

Der größte Teil dieses Textes ist dem Buch Die Fischnetz-Theorie entnommen. Die QV-Nummern beziehen sich auf die Einträge im Quellenverzeichnis.



 


Die Fischnetz-Theorie - Vierte Auflage von 2013
192 Seiten - 190 Einträge im Quellenverzeichnis. Fast alle Zitate entstammen der seriösen Sachbuchliteratur.
Gedrucktes Buch EUR 11,90. E-Book EUR 5,99.
Erhältlich u.a. bei Amazon 







Wenn Sie mehr zum Thema Schuld erfahren wollen, lesen Sie bitte die Erzählung Der Höllenmaschinist 
 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen