Samstag, 22. Februar 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 18 der Fortsetzungsgeschichte

     Helena erzählte ungerührt weiter. „Im Nachbarland Irak verhielten sich die fremden Herrscher ähnlich. Dort war es schon 1920 zu einem Aufstand gekommen. Um ihre Macht zu sichern, hatten sich die Briten mit lokalen Führern verbündet, denen sie Vorrechte verliehen. Anderen Menschen hingegen entzogen sie ihre Rechte, indem zum Beispiel das kommunale Land, das jeder bestellen durfte, enteignet und an Günstlinge übertragen wurde. Das Resultat war eine Verelendung des Volkes.          
     Das, mein lieber Peter, sind ein paar der kollektiven Erfahrungen, die die Menschen in der Golfregion gemacht haben. Als Folge von über hundert Jahren Bevormundung, Unterdrückung und Ausbeutung glauben sie den Friedensstiftern aus dem Westen einfach nicht mehr. Deshalb demonstrieren sie gegen euch, belegen euch mit den schlimmsten Flüchen und verbrennen eure Flaggen. Das ist auch der Grund, weshalb Hassan in seinen Panzer gestiegen ist, um gegen die Invasionsarmee zu kämpfen. Alles Weitere wird er dir jetzt selbst mitteilen.“
     Es versprach ein schöner Tag zu werden, als Hassan am Morgen des 5. Aprils seine Unterkunft verließ. Tau hatte sich am Boden niedergeschlagen, die Luft schmeckte klar und frisch, gewürzt mit Spuren von Ruß und Staub. Ein lauer Wind blies durch die Straßen der Stadt, Wolken waren nicht am Himmel zu entdecken – zumindest keine Regenwolken. Rauchwolken waren dafür umso mehr zu sehen. Hassan zählte allein sieben große Brände, die er mit bloßem Auge erkennen konnte, andere Rauchsäulen vermischten sich miteinander und ließen sich nicht eindeutig einem Brand oder einer Explosion zuordnen. Amerikanische Flugzeuge hatten tags zuvor die Treibstofflager des Flughafens und die Brücken über den Tigris bombardiert, heute suchten sie sich neue Ziele. Von überallher erklang die Sinfonie des Krieges, bestehend aus den tiefen Donnerschlägen der Fliegerbomben und dem schnellen Geratter der Flugabwehrkanonen, dem leisen Surren auf- und absteigender Geschosse und dem unregelmäßigen Krachen und Scheppern, wenn ein Gebäude einstürzte oder metallische Trümmerteile zu Boden fielen. Was noch fehlte, war das dumpfe Dröhnen der Panzermotoren und das helle Prasseln der Sturmgewehre. Also hatte der Häuserkampf noch nicht begonnen. Hassan steckte sich eine Zigarette an.
     Er fühlte sich schlecht, unausgeschlafen, nervös. In der Nacht hatte Hassan gemeinsam mit seinen Kameraden vor den Unterkünften gestanden und das Schauspiel beobachtet, sie rauchten dabei oder tranken ihren Tee. Den Zuschauern wurde einiges geboten, die irakische Luftabwehr feuerte aus allen Rohren, ihre Geschosse stiegen in leuchtenden Bahnen empor und malten filigrane Kunstwerke an den sternenklaren Himmel. Diese waren jedoch nicht von Dauer, sie veränderten sich mit jedem Augenblick, mal schossen die Kanonen im spitzen und mal im stumpfen Winkel, je nachdem, wo die kommandierenden Offiziere den Feind vermuteten, ob draußen vor der Stadt oder genau über den eigenen Köpfen.
     Man konnte sogar erkennen, welche Waffensysteme zum Einsatz gelangten. Meist handelte es sich um Maschinenkanonen aus sowjetischer oder chinesischer Fertigung, angeordnet als Zwillings-, Drillings- oder Vierlingsgeschütz, und die wiederum waren zusammengefasst zu Batterien aus vier bis acht Geschützen. Selbst die Art der Munition, die sie verschossen, konnte ein aufmerksamer Zuhörer bestimmen. Hassan war mit dem Chef der benachbarten Batterie befreundet, der hatte ihm alles genau erklärt. Normale Hartkerngeschosse knallten nur beim Abschuss am Boden, Explosivgeschosse mit Zeitzünder auch in der Luft, flügelstabilisierte Geschosse pfiffen ein wenig und solche, die von einem Treibkäfig verstärkt wurden, streuten ein leichtes Heulen in die Klangkulisse ein.
     Die Geschütze waren zu erstaunlichen Leistungen fähig. Das sowjetische AZP-23 beispielsweise konnte Sperrfeuer schießen, bis zu dreitausendvierhundert Schuss pro Minute, womit es eine regelrechte Wand am Himmel aufbaute, die von keinem Luftfahrzeug durchdrungen werden konnte – zumindest nicht unbeschädigt. Darin bestand zugleich auch der größte Nachteil dieser Waffen, sie verbrauchten zu viel Munition; ein vergleichbares Magazin, mit dem ein Infanterist einen ganzen Tag auskam, leerten sie innerhalb weniger Sekunden. Entsprechend viel Munition musste hergestellt, gelagert und im Ernstfall verteilt werden, womit ein Land, das keine nennenswerte Waffenindustrie und auch sonst nur wenig Infrastruktur besaß, überfordert war. Außerdem entsprach der Feuerleitrechner des AZP-23 nicht mehr dem Stand der Technik. Er konnte nicht den optimalen Zeitpunkt zur Eröffnung und Beendigung des Kampfes errechnen, wodurch viel Munition vergeudet wurde. Auch die Kanonenrohre galten als sehr verschleißfreudig. Im Einsatz wurden sie so heiß, dass man eine Zigarette an ihnen entzünden konnte. Legte die Besatzung dann keine Pause ein, um sie abzukühlen, verzogen sich die Rohre und es kam zu Ladehemmungen, im schlimmsten Fall zu Rohrkrepierern. 
     Hassan konnte sich selbst von der Misere überzeugen. Die Batterien, die in der Nähe seiner Unterkunft lagen, hatten bereits nach wenigen Stunden ihre Munition verschossen oder ihre Geschütze waren nicht mehr einsatzfähig. Zwar versuchten die Offiziere noch, Ersatz aufzutreiben, doch es gab einfach nichts mehr, weder Munition noch Ersatzrohre. Die meisten Soldaten gingen daraufhin nach Hause.
     Weniger große Anforderungen an die Logistik stellten Luftabwehrsysteme auf Raketenbasis, sie schossen kein Dauerfeuer, sondern bekämpften ein Punktziel. Voraussetzung dafür war allerdings eine funktionierende Zielortung und –verfolgung, die in dieser Nacht von den angreifenden Armeen verhindert wurde. Alliierte Flugzeuge hatten gleich zu Beginn des Krieges alle größeren Radarstellungen zerstört, nahmen die Radarfrequenzen unter Dauerstörung, und was noch übrig blieb an mobilen Radarstellungen, bekam sobald es sich meldete einen feurigen Gruß vom Himmel geschickt. Irakische Radaroffiziere aktivierten ihre Anlagen deshalb nur für wenige Sekunden und verschossen sofort ihre Raketen, eine Vorgehensweise, die kaum bessere Erfolgsaussichten versprach, als ein Spiel am Roulettetisch. Entsprechend gering war ihre Trefferquote. Amerikanische und britische Bomben fielen zu Hunderten herab und explodierten in gewaltigen Feuerbällen, amerikanische und britische Flugzeuge hingegen fielen nicht herab.
     Immerhin bereicherten die Raketen das nächtliche Spektakel um einige kräftige Funkenspuren, mal flach und mal steil abgehend, gekrönt von einem letzten dramatischen Aufglühen am Himmel, wenn die Rakete sich selbst zerstörte, um als Blindgänger keinen Schaden am Boden zu verursachen.
     So ungefähr musste auch die Aktionskunst aussehen, vermutete Hassan, von der er in Zeitungsartikeln gelesen hatte. Menschen aus verschiedenen Bereichen kamen zusammen, um in geplanten oder spontanen Aktionen völlig sinnlose Dinge zu tun, und manchmal, unter günstigen Bedingungen, entstand Schönheit, wenn auch nur für einen Augenblick. Er öffnete eine Flasche Weinbrand, obwohl ihm als Muslim Alkohol eigentlich verboten war, und brachte auf jeden Feuerball einen Trinkspruch aus. Hass empfand er dabei nicht, nicht einmal Wut, weder auf die Amerikaner, noch auf die Briten. Für ihn gehörte es einfach zum Leben, dass es von Zeit zu Zeit Krieg gab, dass sie angegriffen wurden oder selbst angriffen. Meist rangen sie auch mit denselben Gegnern, es änderte sich nicht viel im Lauf der Geschichte.
     Hassan erinnerte sich an seinen Großvater, der davon erzählt hatte, wie die Briten den noch jungen Irak mit Sprengbomben und Giftgas beschossen. Und er erinnerte sich an Fernsehbilder, die amerikanische Angriffe auf den Libanon, Libyen und Afghanistan zeigten. Er erinnerte sich auch an die alliierten Angriffe auf seine eigene Kompanie, als sie versuchten, die abtrünnige Provinz, die einige als Kuwait bezeichneten, zurückzuerobern. Es änderten sich nur die Namen, die Uniformen, die eingesetzte Technik, sonst blieb alles beim Alten. Man sollte versuchen, die schönen Momente zu genießen, sie konnten schnell vorbei sein. Er brachte viele Trinksprüche aus in dieser Nacht.
      Heute aber war keine Zeit, um zu schauen, zu hören und zu sinnieren. Hassan bedauerte es nicht, die Inszenierung des Tages beeindruckte ihn weniger als jene der Nacht. Nicht nur, weil der dunkle Hintergrund fehlte, vor allem deshalb, weil weniger Struktur in den Aktionen enthalten war. Es ging kreuz und quer durcheinander, aus jeder Himmelsrichtung gellte und pfiff es, was weniger von chaotischen Kämpfen herrührte, als vielmehr davon dass Munition sich durch die Brände selbst entzündete. Viele Waffenlager waren getroffen, einige Feuer schienen außer Kontrolle zu sein. Hassan konnte darüber aber nur spekulieren, denn ihm standen keine präzisen Informationen zur Verfügung. Die Invasoren hatten die Kommunikationseinrichtungen seiner Armee weitgehend zerstört, Funkanlagen waren zerbombt, das Telefonnetz an zahllosen Stellen unterbrochen, selbst mit Handfunkgeräten konnte man sich nicht verständigen, auf allen Frequenzen ertönten Störsignale. Schon seit Stunden hatten sie nichts mehr von ihren vorgesetzten Stellen gehört. Die irakischen Verbände waren auf sich allein gestellt, mussten ihre Entscheidungen selbst treffen. 

Fortsetzung folgt.

Unter diesem Link finden Sie die bisher veröffentlichten Teile.


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