Dienstag, 28. Januar 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 14 der Fortsetzungsgeschichte

     Was einmal klappt, klappt auch zweimal – glaubte Leroy. Er fuhr weiterhin durch die Viertel der Reichen und sah sich die Häuser sehr genau an, achtete auf jedes Detail. Eines Morgens war bei dem Haus mit der Partyhöhle, so nannte er sein Lieblingsobjekt, das Tor geöffnet. Beinahe hätte er das Grundstück betreten, doch dann entdeckte er einen Sportwagen in der Einfahrt. Ein teures europäisches Modell, es konnte  nur dem Hausherrn gehören.
     Zu gefährlich, entschied Leroy und fuhr weiter.
     Eine Woche später war das Tor wieder geöffnet. Diesmal stand ein Pickup in der Einfahrt, neben dem offenen Garagentor. Wahrscheinlich gehörte der Wagen einem Handwerker, der gerade Material und Werkzeug auslud. Eine ideale Gelegenheit. Leroy fuhr noch ein Stück weiter, parkte sein Auto in einer anderen Straße. Er nahm den Koffer und den Kescher und spazierte gelassen durch das Tor. Den Sportwagen konnte er nirgends entdecken, der Wasserfall beim Schwimmbecken war nicht eingeschaltet. Die Bewohner des Hauses schienen nicht da zu sein, nur auf das Personal musste er achtgeben. Auch hier stand die Terrassentür offen, dahinter befand sich ein riesiges Wohnzimmer. Leroy sah sich die Einrichtung an, schätzte ihren Wert. Designermöbel und Kunstgegenstände, ein Großbildfernseher, eine Stereoanlage, nichts davon konnte er gebrauchen. Die Sachen waren entweder zu groß und zu schwer oder bei Hehlern nahezu unverkäuflich. Vielleicht gab es in anderen Räumen Besseres zu holen. Die Küchen der Reichen waren sehr gut ausgestattet, mit Mikrowellen und Espressomaschinen, wertvollem Besteck und Geschirr. In einem Schaufenster hatte Leroy mal eine Kaffeekanne gesehen, die so viel kostete, wie er in einem ganzen Monat verdiente – eine Kaffeekanne! Er beschloss, die Küche zu suchen.
     Wenn er gewusst hätte, was zur selben Zeit in einem anderen Raum geschah, hätte er vielleicht einen anderen Weg eingeschlagen.   
     „Mona, hast du dir das auch gut überlegt? Wollt ihr die Geräte wirklich abgeben?“
     „Natürlich. Peter hat alles kontrolliert. Wir benutzen sie sowieso nicht.“
     Mai-Li beugte sich über die Kartons. Sie waren bis zum Rand angefüllt mit Technikteilen aller Art, Kabel hingen aus ihnen heraus, Antennen ragten in die Luft. Das Meiste davon konnte sie nicht auf Anhieb seiner Bestimmung zuordnen, obwohl sie einer vietnamesischen Familie entstammte und man von Asiaten allgemein erwartete, dass sie sich mit Technik auskannten. Viele neuwertige Teile befanden sich darunter, einige waren sogar noch original verpackt. Ein Teil sah aus wie ein Radio oder ein Handfunkgerät, ein anderes wie ein Megafon oder ein Verstärker, ein drittes wie eine Karaokemaschine oder ein Mischpult. Nur das Kinderauto mit dem Elektroantrieb erkannte sie einwandfrei, und es hätte sie nicht gewundert, wenn auch das Dreirad und der Schlitten elektrisch angetrieben wären.
     „Meine Güte, besitzen deine Kinder viel Zeug.“
     „Alles von Peter. Wenn es im Büro mal wieder länger dauerte oder er ein Fußballspiel oder einen Auftritt verpasste, gab es ein Geschenk von ihm.“
     Mai-Li zählte rasch die Kartons durch. Es waren acht Stück. „Sind die Kinder damit einverstanden?“
     „Ja, wir haben noch viel mehr davon.“
     „Oh, was ist das denn?“ Einer der Kartons machte sie neugierig, weil ein schwarzer Stofffetzen mit einem weißen Symbol aus ihm heraushing. Sie entfaltete den Fetzen und erkannte einen Totenkopf. „Hattet ihr Termiten im Haus? Wurdet ihr ausgeräuchert?“
     Mona lachte. „Nein, wir hatten Piraten im Haus.“
     „Ach so.“ Mai-Li lachte mit ihrer Freundin. Sie fand Schwerter und Enterhaken aus Plastik, dazu Teile von Kostümen und eine Schatztruhe, die aus echtem Holz bestand.
     „Die Kinder haben ganze Seeschlachten im Pool nachgespielt. Und hinter dem Wasserfall lag ihre geheime Piratenhöhle.“
     „Dafür habt ihr die Grotte also gebaut.“
     „Ja, hauptsächlich für die Kinder.“
     Mai-Li hatte sich inzwischen eine Augenklappe aufgesetzt und einen falschen Schnurrbart angeklebt. „Aber ich möchte wetten, auch Erwachsene können sich dort amüsieren.“ Wieder lachte sie.
     Mona lachte nicht mehr. „Die Zeiten sind vorbei. Komm, lass uns das Zeug endlich wegschaffen.“
     Die beiden Frauen nahmen je einen Karton und trugen ihn durch das Haus. Mona zeigte ihrer Freundin die Abkürzung durch die Garage. Auf der Einfahrt stellten sie die Kartons für einen Augenblick ab, weil Mai-Li die hintere Bordwand des Pickups herunterklappen musste.
     „Gehört der Wagen dir?“, fragte Mona.
     „Nein, der Firma meines Mannes. Der Kofferraum von meinem Jaguar ist zu klein. Und ich muss heute noch zu zwei anderen Spendern fahren.“
     „Der Basar wird sicher ein Erfolg.“
     „Garantiert. Bei den tollen Sachen.“
     Es gelang ihnen, sämtliche Kartons auf der Ladefläche zu verstauen, die großen hoben sie gemeinsam hoch, nur das Elektroauto war zu schwer für die Frauen. Mona erinnerte sich, dass Peter sein Motorrad früher über eine Blechrampe auf den Anhänger gefahren hatte. Sie fand das Blech in der Garage, legte es an die Ladefläche des Pickups und fuhr das Auto aus eigener Kraft hinauf.
     „Bravo!“ Mai-Li klatschte Beifall.
     „Tja, gewusst wie.“ Mona wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Jetzt haben wir uns erstmal eine Pause verdient. Möchtest du eine kalte Limonade?“
     „Ja, gerne.“
     Die beiden Frauen gingen quer über den Rasen und betraten das Haus.
     Unterwegs fragte Mona: „Wofür ist eigentlich der Erlös bestimmt?“
     „Der geht dieses Jahr zu gleichen Teilen an die Aids-Hilfe und eine Klinik, in der krebskranke Kinder behandelt werden.“
     „Freut mich. Das sind gute Einrichtungen… Da vorne ist die Küche.“
     Mona führte ihre Freundin durch die Eingangshalle. Dass noch jemand im Haus war, bemerkte sie nicht. Leroy stand mit angehaltenem Atem hinter der Küchentür und hoffte, dass die Personen, deren Schritte und Stimmen er hörte, die Treppe hochsteigen würden. Sie taten es nicht.
     Mai-Li entdeckte ihn zuerst. Weil Leroy einen Overall trug, hielt sie ihn für einen Hausangestellten. „Hallo. Wir sind gleich wieder weg.“
     Mona erschrak. „Wer sind Sie?“
     Leroy überlegte fieberhaft. Vielleicht konnte er noch seine Legende vom Poolreiniger aufrechterhalten. Doch er hatte bereits mehrere Besteckteile in seinen Koffer gestopft – und in der Hand hielt er eine Pfeffermühle.
     „Ich bin…“ Er wusste nicht, was er sagen sollte.
     „Was wollen Sie hier?“
     Leroy warf die Pfeffermühle weg und zog seine Pistole aus dem Overall.
     Die beiden Frauen schrieen auf.
     „Ruhig! Seid ruhig!“
     Mona verharrte regungslos. Mai-Li zitterte am ganzen Körper, ihr Atem ging schneller.
     Auch Leroy zitterte. Er wusste nicht, was er tun sollte. Obwohl er wochenlang Zeit hatte, war er nicht auf die Idee gekommen, sich einen Plan für den Notfall auszudenken.
     Mai-Li fing an zu hyperventilieren, sie atmete schnell und heftig, hatte aber trotzdem das Gefühl, keine Luft zu bekommen.
     „Geht darüber… Nein, darüber.“ Er fuchtelte mit seiner Waffe herum, zeigte erst in die eine Ecke des Raumes, dann in die andere.
     Weil Mai-Li nicht verstand, was er meinte und den Lauf der Pistole auf sich gerichtet sah, brach sie in ein hysterisches Kreischen aus.
     Leroy brüllte sie an. „Verdammt, halt deine Klappe!“
     Mona versuchte ihre Freundin zu beruhigen. „Keine Angst. Dir wird nichts geschehen. Gleich ist es vorbei.“
     Sie bewirkte jedoch nichts, Mai-Li schrie weiter.
     „Verdammt, sie soll endlich aufhören!“ Leroy legte ihr seine Hand auf den Mund und brachte sie dadurch zum Verstummen. Anschließend blickte er beiden Frauen abwechselnd in die Augen.
     „Ich hole Ihnen Geld“, sagte Mona. „Oben ist viel Geld.“ Sie machte einen Schritt zur Tür.
     Leroy richtete seine Pistole auf sie. „Nein, du bleibst hier.“
     „Ich rufe nicht die Polizei. Ich hole nur das Geld.“
     „Warte!“ Er sah sie an. Vielleicht meinte sie es ernst, vielleicht würde sie tatsächlich nur das Geld holen. Vielleicht würde sie aber auch zum Telefonhörer greifen oder einfach davonlaufen.
     Mai-Li wimmerte. Leroy spürte ihren Speichel an seiner Hand, von oben liefen die Tränen. Sie war kurz davor, durchzudrehen. Er überlegte, wie Juristen das nennen würden, was er gerade tat. Freiheitsberaubung? Räuberische Erpressung? Auf alle Fälle würde es ihn teuer zustehen kommen, wenn sie ihn dabei erwischten.
     „Mai-Li, sei ganz ruhig. Gleich ist es vorbei.” Mona strich ihr über die Schultern.
     Leroy sah ihr zu. Es waren nackte Schultern, über die sie strich, bedeckt nur von den Trägern des Kleides. Mai-Li hatte für diesen Tag ein cremefarbenes Sommerkleid gewählt, dessen Rock aus mehreren breiten Stoffstreifen bestand, die glockenförmig ineinander übergingen, während das Oberteil knapp wie ein Badeanzug geschnitten war. Leroy fragte sich, ob sie darunter einen Büstenhalter trug, und falls ja, ob es sich dabei um einen dieser Push-up-BHs handelte, mit denen ihn seine letzte Freundin genarrt hatte. Er mochte große Brüste, schon seit Kindertagen, aber er mochte es gar nicht, wenn Frauen sich ausstopften oder Dinge vorzeigten, die in Wirklichkeit ganz anders aussahen.
     Er fasste ihr an die Brust. Mai-Li schrie auf. Leroy grinste. Die eine war echt, die andere auch, alles an ihr war echt. Für eine Asiatin besaß sie erstaunliche Kurven, beinahe Idealmaße.
     „Scheiße, jetzt ist es auch egal. Leg dich hin.“
     Entsetzt riss sie die Augen auf. Wieder wollte sie schreien, doch sie brachte keinen Ton hervor.

Fortsetzung folgt.

Unter diesem Link finden Sie die bisher veröffentlichten Teile.



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