Freitag, 10. Januar 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 10 der Fortsetzungsgeschichte

     Helena spürte die Angst, die Peter noch immer empfand, wenn er daran dachte. Sie versuchte ihn zu beruhigen. „Peter, das sind Mythen und Legenden. Die Menschen wollten ihre Gefühle symbolisch darstellen.“
     „Ich weiß. Aber das kann doch kein Zufall sein. Bestimmte Motive findet man über Jahrtausende hinweg in allen Kulturen. Im Grunde sagen sie alle dasselbe: Halte dich an die Regeln, und du kommst in den Himmel.“
     „Du hast Recht, Peter, sie sagen alle dasselbe. Trotzdem ist das Einhalten dieser Regeln keine Garantie dafür, dass du in einen Himmel kommst.“
     „Nein?“
     „Nein.“
     „Und wenn ich die Regeln breche?“
     „Dann brichst du die Regeln.“
     „Aber was ist mit Sünde und Schuld? Diese Begriffe gibt es doch überall, auch in der Politik und in der Wissenschaft. Juristen und Philosophen, Theologen und Künstler zerbrechen sich darüber die Köpfe. Es kann doch nicht sein, dass diese Leute sich alle irren.“
     „Tun sie auch nicht. Sünde und Schuld sind Umschreibungen für negative Gefühle, für negative Energien. Wer sie aussendet, bekommt sie zurück – wenn auch manchmal mit zeitlicher Verzögerung. Das ist das göttliche Prinzip. Deine Lebensumstände sind immer ein Spiegel deiner Gefühle und Gedanken, in dieser Welt wie in jeder anderen Welt. Schau dir die Städte an, in denen ihr lebt, schau dir eure Gesellschaft an. Ihr habt sie selbst erschaffen. Kein Gott und kein Teufel haben euch verurteilt, so zu leben. Wenn die Energien ausgeglichen sind, erlebt ihr Frieden und Harmonie, wenn nicht, Streit und Gewalt.“
     „Energien müssen ausgeglichen sein? Du meinst, so wie in einer kaufmännischen Bilanz?“
     Helena war mit dieser Formulierung nicht ganz einverstanden. Um sich Peters Denkungsweise anzupassen, sagte sie trotzdem: „Ja, in gewisser Weise kann man es mit einer kaufmännischen Bilanz vergleichen.“
     „Na bitte. Dann kann mir nichts passieren. Meine Bilanz ist ausgeglichen. Ich habe alle meine Schulden getilgt, und zwar in jeder Hinsicht. Den Kredit für mein Haus zum Beispiel, den hatte ich schon nach drei Jahren zurückgezahlt. Und in meinem Beruf war auch immer alles im Lot.“
     „Nein, eben nicht. In deinem Beruf war das Meiste nicht im Lot, Peter.“
     „Doch, ganz bestimmt. Wir hatten jedes Jahr eine Bilanz gezogen, sie war immer ausgeglichen. Und wir wurden ständig von Wirtschaftsprüfern überwacht, sie hatten nie etwas zu beanstanden.“ 
     „Nach euren Regeln – aber nicht nach dem göttlichen Prinzip. Es gab mal einen Menschen, dessen Leben du sehr beeinflusst hast, obwohl du ihm nie begegnet bist. Er hieß Jack.“
     „Was für ein Jack? Was hatte ich mit dem Burschen zu tun?“
     „Er war Schuldner bei deiner Bank. Jack hatte auch ein Haus gebaut. Und dafür nahm er einen Kredit auf, den er eines Tages nicht mehr bedienen konnte.“
     „Oh bitte, jetzt erzähl mir keine rührselige Geschichte. Wahrscheinlich hatte dieser Jack auch noch kleine Kinder, die mit ihm aus dem Haus geworfen wurden. Und süße kleine Hundebabys, die alle auf der Straße landeten.“ Peter lachte über seinen Witz.
     „Nein, keine Hunde. Und seine Kinder waren schon erwachsen, als es passierte.“
     „Also, wo liegt das Problem?“
     „Das wirst du gleich selbst erleben. Aber sieh genau hin. Achte nicht nur auf deine eigenen Gefühle und Gedanken, sondern auch auf die anderer Menschen.“
     „Ja, ja.“
     Das Erste, was Peter sah, waren Kartons. Kleine Kartons, große Kartons, übereinander gestapelt bis unter die Decke einer Garage. Jeder von ihnen trug einen Zettel, auf denen der Name des Eigentümers, der Ort der Abholung und der Zielort verzeichnet waren. Bei den meisten lautete das Ziel ein Lagerhaus in einem Gewerbegebiet, bei einigen war es ein kleines Apartment in der Innenstadt – oder die Müllkippe. Nur ganz wenige Kartons lud Jack direkt in sein Auto.           
     „Willst du es dir nicht noch mal überlegen?“, fragte ihn seine Frau. „Mit dem Geld, das Jeff und Jill uns angeboten haben, können wir eine ganze Weile auskommen. Vielleicht findest du noch was Besseres.“
     Jack lachte. „Ich nehme doch kein Geld von meinen Kindern an. Nein, nein, du wirst sehen, ich schaffe es wieder aus eigener Kraft. Der Job in Las Vegas könnte das Sprungbrett zu einer neuen Karriere sein. Sobald ich dort Wurzeln geschlagen habe, hole ich dich nach.“
     „Na hoffentlich geht alles gut.“ Sie sah ihn besorgt an.
     „Aber natürlich. Wir haben doch schon ganz andere Krisen gemeistert.“
     Jack und seine Frau gingen die Einfahrt hinunter, nur ein paar Schritte. Er nahm sie in den Arm, gemeinsam betrachteten sie ein letztes Mal das Haus hinter den Mandelbäumchen. Das Haus, das bis vor kurzem noch ihnen gehörte, das sie sich im Grunde aber niemals leisten konnten. Es war im viktorianischen Stil errichtet, pseudoklassisch, mit Erkern und Türmchen, besaß zehn Zimmer, ein Schwimmbad und eine Dreifachgarage. Damit war es viel zu groß für sie beide, gestanden sie sich nun ein. Trotz all des Schmerzes, den ihnen der Verlust bereitete, empfanden sie auch eine gewisse Erleichterung. Zehn Zimmer, einige davon waren nicht einmal vollständig eingerichtet. Was sollte ein älteres Ehepaar, dessen Kinder das Elternhaus bereits verlassen hatten, auch mit dreihundert Quadratmetern Wohnfläche anfangen? Und wozu brauchten sie drei Autos und ein Motorboot? Jack und seine Frau hatten über diese Fragen zu keinem Zeitpunkt ernsthaft nachgedacht, sie ließen sich von der optimistischen Stimmung anstecken, die ein paar Jahre zuvor, unter der alten Regierung herrschte. Damals kaufte jeder große Häuser und große Autos. Es war ja auch sehr leicht an Kredite heranzukommen, die Bankberater drängten sie ihren Kunden geradezu auf, verlangten keine oder nur geringe Sicherheiten. Und man musste nicht viel dafür zahlen, die Zinssätze befanden sich auf einem historischen Tiefstand. Wer das nicht ausnutzte, wurde mitleidig belächelt, betrachtet als jemand, der keinen Mut besaß oder die Zeichen der Zeit nicht verstand. Außerdem forderte die Regierung ihre Bürger ausdrücklich dazu auf, zu konsumieren und die Wirtschaft anzukurbeln.
     Auch Jack und seine Frau kurbelten mit. Die beiden hatten sich über Jahrzehnte hinweg als gute Bankkunden erwiesen, ihr altes Haus war längst schuldenfrei, sein Arbeitsplatz als Elektroingenieur bei einem Automobilbauer bescherte ihm einen guten Leumund. Die Wirtschaft brummte, ein Absatzrekord folgte dem anderen, die Prognosen waren sehr optimistisch. Deshalb verkauften sie ihr altes Haus und erwarben dafür Aktien, die als Rücklage für ihren Lebensabend dienen sollten. Gleichzeitig kauften sie ein neues Haus, obwohl ihnen der Preis von fast einer Million Dollar für ein Systemhaus, das aus vorgefertigten Holzelementen bestand, recht hoch vorkam. Aber wegen der großen Nachfrage waren die Preise insgesamt deutlich angestiegen, jeder musste sie zahlen.
     Als Belohnung für sein Wagnis gönnte sich Jack einen Sportwagen, in dem er sich jünger fühlte, und seine Frau bekam den großen Geländewagen, der ihr so viel Sicherheit versprach. Und als Belohnung für beider Verhalten stellte ihnen die Bank goldene Kreditkarten aus, mit denen sie überall hoch angesehen waren. Was hätte schon Schlimmes passieren können?
     Eine Menge, wie sich bald herausstellte.
     Zuerst stieg der Ölpreis an, der Absatz amerikanischer Autos ließ nach, die Fabriken mussten Arbeiter entlassen. Erste Kredite platzten, Häuser wurden zwangsversteigert, die Immobilienpreise gaben nach, die Bauwirtschaft lahmte. Daraufhin sank die Nachfrage nach Konsumgütern im gesamten Land, noch mehr Arbeiter wurden entlassen, noch mehr Kredite platzten. Inzwischen bekamen auch die Banken die Krise zu spüren, ihre Bilanzen verschlechterten sich – die Spirale begann sich schneller und schneller zu drehen.
     Schließlich gerieten auch Jack und seine Frau in den Abwärtssog. Sein Arbeitgeber machte schlechte Geschäfte, die großen Geländewagen wollte kaum noch jemand kaufen, kleine Modelle hatten sie nicht im Angebot. Man unterbrach die Produktion in seiner Fabrik, für eine Woche, für zwei Wochen, für einen ganzen Monat. Jack und seine Kollegen wurden unruhig, sprachen mit dem Management. Die Chefs beruhigten sie, versprachen, die Krise aussitzen zu wollen und mit neuen Modellen neue Kunden zu erobern. Die Arbeiter glaubten ihnen. Doch dann gab es einen Wechsel in der Konzernspitze, und der Standort wurde beinahe über Nacht geschlossen.
     Jack erhielt ein Kündigungsschreiben – ein Schock für ihn. Mit selber Post erhielt er aber auch einen großzügigen Scheck als Abfindung, weshalb sich seine Sorgen bald wieder zerstreuten. Außerdem war er ein hoch qualifizierter Ingenieur, Leute wie er wurden immer gesucht. Jack krempelte die Ärmel hoch, schrieb Bewerbungen in großer Zahl, knüpfte Kontakte, hörte sich um – doch alle seine Bemühungen blieben ohne Erfolg. Es gab einfach zu viele Elektroingenieure auf Jobsuche, die Nachfrage war gering, gleichzeitig drängten immer mehr Importe auf den Markt. Jack sah sie jeden Tag auf den Straßen, die ausländischen Autos. In den unteren Segmenten wurden die einheimischen Hersteller von Marken aus Japan und Korea in die Zange genommen, inzwischen rollten sogar schon die ersten Autos aus China über amerikanische Straßen. Im oberen Segment, wo sich zwar nur geringe Stückzahlen absetzen ließen, aber die großen Gewinne erzielt wurden, waren es vor allem deutsche und japanische Hersteller und ein paar Italiener.
     Ausgerechnet die! Völker, die sie in den Kriegen besiegt hatten, Völker, die sie in den Kriegen befreit hatten, übernahmen jetzt das Geschäft. Anstatt dankbar zu sein, zerstörten sie amerikanische Arbeitsplätze, zerstörten sie die amerikanische Wirtschaft. Zwar bestanden Importbeschränkungen, und Handelsabkommen zwangen die Ausländer dazu, Fabriken in den USA zu betreiben, doch da brauchte man nur wenige Ingenieure, weil sich die Entwicklungszentren meist in Asien oder Europa befanden. Was für eine Schande! Amerika als Werkbank für Asien und Europa. Eigentlich hätte es umgekehrt sein müssen.
     Dabei bauten sie doch die besseren Autos. In Jacks Fabrik hatten sie einen Geländewagen gebaut, den Conqueror, das war ein Auto! Conqueror – der Eroberer. Ein Auto wie Amerika. Groß, stark, mächtig. Lieferbar nur mit V 8-Motoren, schon der kleinste hatte 240 PS, die Sportversion leistete 460 PS. Und für Umweltspinner gab es sogar eine Hybridvariante. Vom Conqueror abgeleitet war ein Pickup, ein Kleinlaster, mit dem man einen halben Hausstand transportieren konnte. Die Fullsize-Version mit der Doppelkabine war sechs Meter lang, auf die Ladefläche passten zwei Motorräder oder zehn Surfbretter. Im Innenraum gab es acht Becherhalter, davon vier elektrisch ausklappbar. Jacks Arbeitsgruppe hatte damals Becherhalter entwickelt, die Getränke wahlweise kühlen oder erhitzen konnten. Das bot kein anderer Hersteller der Welt, nicht einmal die Premiummarken aus Deutschland und Japan. Ihre Becherhalter konnten weder kühlen noch erhitzen, und sie waren viel kleiner. In die Becherhalter des Conqueror passten Flaschen mit bis zu anderthalb Liter Inhalt. Die Becherhalter des Conqueror waren kleine Kunstwerke, man hätte sie im Museum of Modern Art ausstellen können.
     Aus. Vorbei. Die Produktion wurde eingestellt.
     Den Conqueror brauchte man nicht mehr, auch Jack brauchte man nicht mehr. Nichts zu tun, nichts zu verdienen. Und noch eine Schwierigkeit tat sich auf. Als guter Patriot hatte Jack nur Aktien von amerikanischen Unternehmen gekauft – sie waren inzwischen auf einen Tiefstand gesunken. Zur selben Zeit jedoch, als die Kurse sanken, stiegen die Zinsen. Dummerweise hatte Jack in seinem Kreditvertrag einen flexiblen Zinssatz vereinbart, der war noch günstiger als der feste. Warum auch nicht? Alle prophezeiten ihm damals, der Zinssatz würde niedrig bleiben, denn der Chef der Notenbank sei bekannt für seine Politik der niedrigen Leitzinssätze. Doch dann kam ein neuer Notenbankchef ins Amt.


Fortsetzung folgt.

Unter diesem Link finden Sie die bisher veröffentlichten Teile.


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