Dienstag, 24. Dezember 2013

Der Höllenmaschinist - Teil 6 der Fortsetzungsgeschichte

     „Was heißt hier eigenartig? Ein Kleid von Dior oder Versace hat eben seinen Preis. Trotzdem habe ich Mona ein ganzes Dutzend geschenkt.“ Er ließ den Knopf los, das Karussell blieb stehen.
     Peter breitete seine Arme aus. „So großzügig bin ich. Das alles habe ich für meine Familie gemacht. Wenn mein Haus im Jenseits so aussieht wie dieses hier, habe ich nichts zu befürchten. So möchte jeder leben, egal ob tot oder lebendig.“ Er lachte schallend über seinen Witz.
     „Ja, so möchte jeder leben“, wiederholte Helena. „Trotzdem lebst du hier nicht mehr, Peter.“
     Ihm verging das Lachen, sein Gesicht versteinerte. „Das hat andere Gründe. Ich habe sie nicht zu verantworten, diese Gründe.“
     „Da bin ich anderer Meinung.“
     „Behalt sie für dich. Deine Meinung interessiert dabei nicht.“ 
     „Gut, ich behalte sie für mich. Aber vielleicht möchte Mona darüber reden.“
     „Was meinst du?“
     „Wir haben die Möglichkeit, auch andere Sichtweisen zu berücksichtigen.“
     Helena hatte den Satz noch nicht vollendet, als die Schlafzimmertür geöffnet wurde und eine Frau hereinkam. Sie trug einen Bademantel, um ihre Haare war ein Handtuch gewickelt. Die Frau ging dicht an Helena und Peter vorbei, beide hörten das leise Geräusch, das ihre Sandalen auf dem Teppich erzeugten, rochen sogar den Duft ihres Shampoos.      
     „Was willst du denn hier?“, fragte Peter überrascht.
     Sie reagierte nicht auf ihn.
    „Antworte. Ich rede mit dir.“ Um zu zeigen, dass es ihm ernst war, wollte Peter sie an den Schultern packen und durchschütteln, doch seine Hände griffen ins Leere.
     „Mona kann uns nicht hören“, sagte Helena. „Eigentlich ist sie gar nicht an diesem Ort. Es ist eine Projektion, eine Erinnerung. Was du gleich erlebst, hat sich vor knapp zwei Jahren zugetragen.“
     „Wie machst du das?“, wollte Peter wissen. „Hast du hier einen Projektor versteckt?“ Er suchte den Raum nach einer Linse und einer Lichtquelle ab.
     „Nein, es sind materialisierte Gedanken. Daraus besteht das Leben, sogar das gesamte Universum. Jetzt sei still und hör zu.“
     „Wieso soll ich zuhören? Sie sagt doch gar nichts.“
     „Du sollst ihren Gedanken zuhören.“
     Bevor Mona das Handtuch beiseite legte, frottierte sie ein letztes Mal ihre Haare. Dann setzte sie sich an den Schminktisch, holte aus einer Schublade Bürste und Fön hervor und begann damit, ihre Frisur herzurichten. Es war nichts Kompliziertes, zuletzt hatte sie sich einen Pagenkopf schneiden lassen. Aufwendige Frisuren interessierten sie nicht mehr. Früher war es anders gewesen, mit ihren Freundinnen saß sie stundenlang beim Friseur, ihre Haare wurden geschnitten, gefärbt, toupiert und in Locken gelegt. Dabei entstanden Monsterfrisuren, für die sie sich später schämte, wenn sie sie auf alten Fotos entdeckte, die aber zur damaligen Mode gehörten. Außerdem ging sie regelmäßig zur Maniküre und Pediküre und ließ ein Peeling der Haut, eine Entfernung der Körperbehaarung oder ein Bleichen der Zähne über sich ergehen. All das kostete viel Zeit und Geld, manchmal war es unangenehm, sogar schmerzhaft, aber sie tat es gerne, weil es sich auszahlte. Sie bekam unzählige Komplimente, Männer pfiffen ihr nach, wollten sich mit ihr verabreden, einige machten ihr sogar ernst gemeinte Heiratsanträge.
     Diese Zeiten gehörten der Vergangenheit an. Heute pfiff ihr niemand mehr nach, und die Männer, die sie um Verabredungen baten, wollten ihr Versicherungen oder Immobilien verkaufen. Dafür brauchte sie nicht mehr aussehen, als käme sie gerade von der Oscar-Verleihung. Inzwischen war ihr die Alltagstauglichkeit einer Frisur wichtiger als der Aufmerksamkeitswert, ein paar Striche mit der Bürste mussten reichen, um sie in Form zu bringen.
     Peter wandte seinen Blick von ihr ab. „Was soll das?“, fragte er. „Ich finde, wir können uns das ersparen.“
     „Nein, es ist wichtig“, erwiderte Helena. „Dadurch erfährst du etwas über sie – und über dich.“
     „Das ist langweilig. Kannst du nicht auf schnellen Vorlauf drücken?“
     „Hab etwas Geduld. Gleich wird es interessant.“
     Mona war fertig mit dem Fönen ihrer Haare. Sie beugte sich vor, betrachtete ihr Gesicht im Spiegel. Es gefiel ihr nicht, was sie sah. Die Falten waren wieder ein bisschen tiefer geworden, so dachte sie jedenfalls, die Falten auf der Stirn, die Falten um Mund und Nase herum. Als besonders hässlich empfand sie ihren Augenbereich; manchmal hatte sie das Gefühl, dass jeder Mensch, dem sie begegnete, ihr nicht in die Augen sah, sondern ihre Falten anstarrte, sie vielleicht sogar zählte, deren Länge und Tiefe abschätzte und ihr Gesicht mit dem anderer Frauen, jüngerer Frauen verglich. Die Falten liefen strahlenförmig von ihren Augen weg, eine Hälfte zur Stirn, die andere zu den Ohren. Es gab ein Wort dafür: Krähenfüsse. Ein hässliches Wort für eine hässliche Sache. Und nichts half dagegen, keine Creme, kein Peeling, keine Massage mit Bürsten und Ölen. Mona hatte alles probiert, allein für den Kampf gegen die Falten gab sie noch viel Geld aus.
     Als letzter Ausweg blieb ihr nur der Gang zum Arzt. Man konnte sich das Gesicht straffen lassen, man konnte sich Mittel unter die Haut spritzen lassen. Bislang hatte sie immer davor zurückgeschreckt, wegen der gesundheitlichen Gefahren, wegen der Nebenwirkungen, für die es in ihrem Bekanntenkreis einige anschauliche Beispiele gab. Eine Freundin von ihr hatte sich mit Botox behandeln lassen, bei einem Arzt, der eigentlich Orthopäde war, aber lieber die viel lukrativeren Schönheitsbehandlungen durchführte. Ein Teil des Mittels gelangte in ihre Blutbahn, was zu einer schweren Vergiftung führte, die sie nur überlebte, weil ein benachbartes Krankenhaus das Gegenmittel vorrätig hielt. Ursprünglich war dieses Antitoxin als strategische Reserve vorgesehen, falls das Land mit biologischen Waffen angegriffen würde, denn Botox galt auch als Kriegswaffe. Inzwischen benutzte man es hauptsächlich zum Kampf gegen das Alter, gegen Vorurteile und Minderwertigkeitskomplexe.
     Andere Frauen legten sich gleich unter das Messer von Chirurgen, die ähnlich kompetent waren wie der Orthopäde mit der Botoxspritze. Sie gewannen durch die Operationen zwar ein paar Jahre, sahen etwas jünger aus, doch verloren sie gleichzeitig einen Teil ihrer Persönlichkeit, sie wirkten puppenhaft, unnatürlich, konnten Emotionen nicht mehr wie zuvor ausdrücken, weil ihre Gesichter in einem bestimmten Bereich eingefroren waren. Ob sie nun lachten, weinten oder sich langweilten, sie sahen immer gleich aus. Das war der Preis, den sie zu zahlen hatten, ein Preis, der sich nicht in Dollar und Cent bemaß.
     Mona verzog ihr Gesicht, sie schnitt Fratzen. Mal sah sie aus wie ein Clown, mal wie ein Verbrecher und mal wie abgebrühter Politiker, aber immer sah sie hässlich aus. Sie nahm die Finger zu Hilfe, versuchte, die Haut um ihre Augen herum zu glätten. Es gelang, die Haut straffte sich. Mona fand, sie sähe nun besser aus, um einige Jahre jünger. Vielleicht würde man sie so um zehn Jahre jünger schätzen. Was machte es schon, dass sie nun, mit den Fingern an Schläfen und Stirn, nicht mehr zeigen konnte, ob sie fröhlich oder traurig war. Dafür interessierte sich ohnehin niemand. Der Preis war nicht zu hoch, entschied Mona, sie war bereit, ihn zu zahlen. Gleich morgen würde sie zu einem Arzt gehen, der Schönheitsoperationen durchführte. Im Internet gab es sicher massenhaft Informationen dazu, Mona musste sie nur heraussuchen. Doch vorher trug sie noch etwas Feuchtigkeitscreme auf ihre Haut auf, danach griff sie zur Abdeckcreme. Mona tat es langsam und bedächtig, sie genoss es geradezu, es war vielleicht das letzte Mal, dass sie dieses alte Gesicht eincremte.

Fortsetzung folgt.

Unter diesem Link finden Sie die bisher veröffentlichten Teile.



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