Sonntag, 15. Dezember 2013

Der Höllenmaschinist - Teil 4 der Fortsetzungsgeschichte

     „Nein, ich…“ Er wollte sich zu dem Zelt begeben, wusste aber nicht, ob er gehen oder fliegen sollte. Es wurden drei Sprünge daraus.
     Helena lächelte darüber.
     „Sieht doch ganz gut aus. Mein Puls ist stabil, die Atmung ist stabil.“ Um seine Worte zu unterstreichen, deutete er auf den Bildschirm, der kaum andere Werte als vor seinem Ausflug in den Krankenhausflur anzeigte.
     „Es wird nicht mehr lange dauern.“
     „Wir können die Ärzte verständigen, falls etwas passiert.“
     „Die Ärzte haben ihr Möglichstes getan.“
     „Gibt es denn gar keine Hoffnung?“
     „Es gibt immer eine Hoffnung – nur nicht an diesem Ort.“
     „Wo? Wo bringst du mich hin?“
     „An den Ort, den du für dich selbst erschaffen hast.“
     Er überlegte kurz. „Dann ist ja alles in Ordnung. Ich habe bis jetzt nur gute und schöne Orte geschaffen. Also ist auch mein Platz im Jenseits ein guter und schöner Ort.“
     Helena schwieg.
     „Und du“, setzte er nach, „bist ein Engel und bringst mich ins Paradies.“
     „Du irrst dich, Peter. Es gibt keine Engel. Jedenfalls nicht so, wie du sie dir vorstellst.“
     „Was bist du denn sonst?“
     „Sagen wir, ich bin deine Begleiterin. Und deine Navigatorin. Und deine Stewardess. Ich sorge für Erfrischungen und dafür, dass du nicht vom Kurs abkommst. Zusammen mit ein paar Freunden.“
     „Gibt es noch mehr von deiner Sorte?“
     „Sehr viele mehr. Bist du bereit?“ Sie ging zur Tür.
     „Ich denke schon…“ Er sah seinen Körper an. Zum Abschied wollte er ein paar Worte sprechen, vielleicht eine Danksagung, doch so rasch fiel ihm nichts Passendes ein.
     Inzwischen öffnete Helena die Tür. Ein helles, kraftvolles Licht erfüllte den Raum.
     Peter erinnerte sich an den Wirbel, den er auf dem Flur gesehen hatte und der den Eindruck erzeugte, als könne er ihn jederzeit verschlingen, er erinnerte sich an die Maschine mit den hypnotischen Augen, und er hörte wieder die Schreie, das Stöhnen und Wehklagen.
     „Warte“, sagte er. „Beantworte mir bitte eine Frage. Gibt es einen Himmel, ein Paradies?“
     „Nicht so, wie du es dir vorstellst.“
     „Gibt es eine Hölle?“
     „Das sind schon zwei Fragen, Peter.“
     „Ich weiß. Aber ich denke, wir haben noch ein bisschen Zeit.“ Sein Blick wies auf die Maschinen, die unablässig pumpten, filterten und Daten sammelten. Sie wirkten beruhigend auf ihn. Solange sie ihre Arbeit verrichteten, glaubte er, könne ihm nichts Schlimmes widerfahren.    
     „Ja, ein bisschen Zeit ist noch… Also gut, ich beantworte deine Fragen. Nein, es gibt keinen Himmel und keine Hölle – so wie du dir beides vorstellst. Damit meine ich die Vorstellungen, die in eurer Kultur geschaffen worden, die du aus Büchern, Comics und Filmen kennst.“
     „Du meinst diesen Himmel, der aus Wolken besteht, und diese Hölle, wo Seen aus Feuer lodern?“
     „Genau. Beides existiert nicht.“
     „Was ist mit Gott und dem Teufel?“
     „Existieren beide nicht – so wie du sie dir vorstellst.“
     „Es gibt keinen Gott?“
     „Wahrscheinlich denkst du jetzt an einen alten Mann, mit einem langen, weißen Bart, der barmherzig auf die Welt schaut.“
     „Ja, genau daran habe ich gedacht“, gab er zu.
     Wieder lächelte sie. „Das ist einer eurer populären Mythen. Einen Gott, der nur eine Person ist, gibt es nicht, wohl aber ein göttliches Prinzip.“
     „Wie lautet es?“
     „Man kann es auf vielerlei Weise erklären. Eine lautet so: Was du aussendest, kehrt zu dir zurück.“
     „Ist das alles?“, fragte Peter. Er war enttäuscht, denn er hatte mit einer langen und umständlichen Erklärung gerechnet.
     „Nein, es ist sehr viel mehr als das. Gott ist ein Wesen, und Gott ist alle Wesen. Gott ist eine Eigenschaft, und Gott ist alle Eigenschaften. Aber das kannst du nicht verstehen, dein Geist ist dafür zu klein. Deshalb sage ich dir die eine Goldene Regel: Was du aussendest, kehrt zu dir zurück.“
     „Und deshalb bringst du mich gleich an den Ort, den ich mir selbst erschaffen habe?“
     „Bravo, du bist ein heller Kopf.“
     „Also doch!“, rief er triumphierend. „Also bringst du mich ins Paradies.“ Vor Freude schlug er sich mit der Faust in die flache Hand.
     „Wie kommst du auf diese Idee?“
     „Ganz einfach. Ich bin zwar nicht gläubig oder religiös, aber ich habe mein Leben lang gute Taten vollbracht. Demzufolge muss ich ins Paradies kommen.“
     „Was gut ist und was nicht, ist eine Frage der Definition“, erwiderte Helena vorsichtig.
     „Nein, ist es nicht“, widersprach Peter. Seine Stimme dröhnte durch das Zimmer. „Der Begriff Gut ist klar definiert, und ich bin gut – und bin es immer gewesen.“
     „Große Worte.“ Helena antwortete mit ihrer sanften Stimme, die aber dennoch deutlich zu vernehmen war.
     „Und die Orte, die ich in dieser Welt geschaffen habe, sind wunderschöne Orte.“
     „Zum Beispiel?“
     „Zum Beispiel das Haus, das ich meiner Familie gebaut habe. Es ist groß, komfortabel und sicher. Und obendrein geschmackvoll eingerichtet. Wenn du es gesehen hättest, wüsstest du, was ich meine. Die Lobby erstreckt sich über zwei Etagen und ist komplett verglast; wir können uns das leisten, weil man unser Grundstück von außen nicht einsehen kann. Die Tür ist zweiflügelig, mit einer Oberfläche aus Bongossi-Holz. Trotzdem hält sie… He, was ist nun los?“
     Peter spürte Veränderungen, ihm wurde schwindlig. Die Strukturen, die ihn umgaben, Wände, Decke, Fußboden, lösten sich auf, um einen Augenblick später – in anderer Form – wieder zu entstehen. Helena und er befanden sich plötzlich in der Eingangshalle seines Hauses, sie standen hinter jener Tür, die er soeben beschreiben wollte.
     „Hast du das gemacht?“, fragte er verwundert.
     „Wir haben es zusammen gemacht. Du hast mir den Weg gezeigt, und ich bin ihn für uns beide gegangen.“
     „Nein, ich hab keinen Weg gezeigt.“
     „Doch, hast du. Erklär ich dir später. Was wolltest du sagen?“


Fortsetzung folgt.

Unter diesem Link finden Sie die bisher veröffentlichten Teile.



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