Sonntag, 15. September 2013

Die Philosophie der Unendlichkeit - Teil 2


Drei grundlegende Wahrheiten

     Es gibt jedoch einen Ausweg für all unsere Probleme, er ist leicht zu finden. Wir müssen unser Denken nur in einem wichtigen Punkt ändern. Wir sollten uns das Leben nicht mehr als eine Bewegung von A nach B vorstellen, sondern als ein Netzwerk. Es wird niemals kleiner oder größer, aber es erfährt sich selbst immer wieder neu.
     Die Philosophie der Unendlichkeit basiert auf drei Überlegungen:
1. Alles ist in unbegrenzter Fülle vorhanden
2. Niemand muss irgendetwas tun.
3. Alles ist gut.

Zu 1: Im Universum geht nichts verloren. Die Energie bleibt für immer erhalten, sie wandelt nur ihre Form. Es gibt genug Energie, Zeit, Raum, Leben, Gelegenheiten, Geld, Macht, Liebe, Sex usw.
Zu 2: Wir können unsere persönlichen Ziele sofort erreichen oder später, in diesem Leben oder einem anderen, in dieser Welt oder einer anderen. Ein Versagen ist nicht möglich. Selbst wenn ein Ziel nicht auf Anhieb erreicht wird, z.B. eine glückliche Ehe zu führen oder eine erfolgreiche Karriere im Beruf zu machen, ist das nur ein relatives Versagen. Was in einer Welt nicht gelingt, kann in einer anderen Welt gelingen. Die Erfahrung des Versagens ist nicht vergeudet, denn sie führt zur persönlichen und zur kollektiven Bereicherung. Die allumfassende Einheit erfährt sich im Kleinen wie im Großen, im Guten wie im scheinbar Schlechten.
Außer sich selbst zu erfahren, gibt es nichts zu tun. Die Menschheit hat kein Ziel zu erreichen und keinen Auftrag zu erfüllen, keinen Feind zu bekämpfen und keiner Sünde zu widerstehen.
Zu 3: Das Schlechte, Falsche, Böse existiert nicht – außer in der zeitweiligen individuellen Wahrnehmung. Wenn man krank ist, fühlt sich die Krankheit unangenehm an. Doch nach der Heilung weiß man die Gesundheit umso mehr zu schätzen. Die Krankheit ist Teil des Erfahrungsprozesses. Jede Erfahrung ist wertvoll.
Im Absoluten gibt es keine Grenze, an der das Gute aufhört und das Schlechte anfängt. Alles ist unendlich gut.

     Bei flüchtiger Betrachtung scheint die Philosophie der Unendlichkeit nicht sehr imposant zu sein, die drei Grundsätze sind schnell und einfach zu erfassen. Die herkömmliche Religion und Philosophie wirkt ausgereifter und umfassender. Doch das ist ein Irrtum. Denn man muss sich fragen: Welchen Folgen ergeben sich daraus? Und auch hier scheint die Antwort zunächst unspektakulär zu sein. Sie lautet:

GELASSENHEIT

     Menschen, die sich die Philosophie der Unendlichkeit zu eigen machen, können ihr Leben ohne Angst und Ärger erfahren. Sie brauchen keine Angst vor Versagen und Schuld zu haben, weil sie wissen, dass beides nicht existiert. Und falls doch etwas in ihrem Leben misslingen sollte, brauchen sie sich nicht darüber zu ärgern, denn sie wissen um den Wert der negativen Erfahrung. Das ist nicht Auswahl – sondern echte Freiheit.
     Auch auf kollektiver Ebene können wir mit der Philosophie der Unendlichkeit nur gewinnen. Die Bankenkrise von 2008 ist wesentlich auf Gier zurückzuführen. Gier ist eine Form von Angst. Wenn man glaubt, man hätte nur ein Leben, muss man alles in diesem einen Leben erleben. Besser gleich als später, denn das eine Leben kann morgen schon vorbei sein. Deshalb versuchen einige Menschen so viel Geld, Macht, Sex usw. zusammenzuraffen, wie sie nur können – auf Kosten anderer, schwächerer Menschen. Wenn man aber weiß, dass es unendlich viele Möglichkeiten gibt, besteht kein Anlass gierig zu sein. Man kann sich Zeit lassen, genießen – und anderen etwas abgeben.
     Der Fanatismus von politischen und religiösen Extremisten basiert ebenso auf Angst. Sie fürchten sich davor, dass Menschen mit anderen Ansichten ihnen etwas wegnehmen könnten, ihr Geld, ihr Land, ihre Frauen usw. Deshalb sehen sie sich dazu gezwungen, andere von der Richtigkeit ihrer Lehre zu überzeugen, zur Not auch mit Gewalt. Wenn sie aber wissen, dass sie selbst alles beliebig oft wiedererschaffen können, löst sich ihr Fanatismus auf.
     Noch ein weiteres großes Problem ließe sich durch die Philosophie der Unendlichkeit beseitigen – das der Verantwortungslosigkeit. Einige Menschen nehmen derzeit große Schulden auf: finanzielle Schulden, soziale Schulden, Klimaschulden etc. Sie sagen sich: Warum soll ich mich um die Rückzahlung der Staatskredite sorgen? Warum soll ich mich um Flüchtlingsströme kümmern? Was interessiert mich das Artensterben oder das Knappwerden des Trinkwassers? Warum soll ich über Atommüll nachdenken? Wenn diese Probleme akut werden, in 50, 100 oder 1.000 Jahren, bin ich längst tot. Darum sollen sich spätere Generationen kümmern.
     Irrtum – denn das Leben ist ein Netzwerk. Die Menschen, die in 50, 100 oder 1.000 Jahren leben, sind wir selbst. Sie sind Wiedergeburten oder Parallelpersönlichkeiten, die genaue Bezeichnung ist nicht wichtig. Sämtliche Generationenlasten geben wir also an uns selbst weiter. Schon aus reinem Eigennutz sollten wir alles daran setzen, ein gutes Erbe zu hinterlassen.   
     Manchem Zeitgenossen mögen diese Überlegungen lächerlich vorkommen. Doch was sind die Alternativen? Appelle an die Vernunft helfen nicht weiter. Schon sehr oft haben Politiker, Prediger und Künstler die Kapitalisten darum gebeten, doch etwas weniger gierig zu sein, und die Fanatiker forderten sie auf, weniger fanatisch zu sein. Die Erfolge waren gering, denn mit Argumenten lassen sich Menschen, die unter dem Einfluss starker Gefühle stehen, nicht überzeugen.
     Der Einsatz von Gewalt hat bislang ebenso wenig zu dauerhaftem Frieden und zu umfassender Gerechtigkeit geführt. Wenn ein Krieg beendet war, begann irgendwo auf der Welt der nächste Krieg. Wenn sich eine Gruppe von Menschen aus der Armut befreit hatte, begann die Verarmung einer anderen Gruppe. Daran konnten auch der technische und der wissenschaftliche Fortschritt nichts ändern. Ein großer Teil der neuen Erkenntnisse und neuen Erfindungen wurde früher oder später auch als Waffe oder als Mittel zur Ausbeutung benutzt. Echter Fortschritt kann nur ein kultureller Fortschritt sein.
     Deshalb ist es sinnvoller, unser kollektives Bewusstsein zu verändern. Wir sollten es uns als Ziel setzen, eine andere Kultur zu schaffen. Es geht nicht darum, eine höhere Stufe zu erklimmen, denn alles befindet sich auf derselben Ebene. Niemand ist besser als ein anderer. Aber wir sollten einen anderen kulturellen Raum betreten. Einen, in dem nicht Angst und Wut herrschen, sondern Mut und Liebe.

Die Karma-Polizei

     Nachteile oder Nebenwirkungen sind durch die Philosophie der Unendlichkeit nicht zu erwarten. Sie führt nicht zu Beliebigkeit, also zur Entwertung aller bisherigen Werte, und sie ist auch kein Aufruf zur Zügellosigkeit, zum Stehlen, Vergewaltigen und Morden. Etwa nach dem Motto: All das dient dem Erleben der Einheit. So einfach ist es nicht. Denn nach wie vor gilt das Prinzip von Ursache und Wirkung. Was wir aussenden, kehrt zu uns zurück. Manchmal sogar schneller, als uns lieb ist. Die Polizei braucht nur ein paar Minuten, um zum Tatort zu gelangen.
     Daneben gibt es noch die Karma-Polizei. Dieser Begriff ist nicht wörtlich zu nehmen, er ist bloß ein Symbol. Karma-Polizei be-schreibt jene Auswirkungen unseres Handelns, die nicht sofort sichtbar sind. Wenn wir dauerhaft negative Energie aussenden, z.B. Menschen ausbeuten oder Natur schädigen, werden sich die Folgen dieses Handelns irgendwann gegen uns richten – in der einen oder anderen Form. Im Unterschied zum Karma der östlichen Philosophie, aus der dieser Begriff entlehnt ist, versucht die Karma-Polizei nicht, ein Ziel zu erreichen. Es erfolgt also keine Auflösung des Karmas, es gibt keinen endgültigen Ausstieg aus dem Kreislauf des Lebens (Samsara). Die Karma-Polizei unterstützt lediglich den Prozess, ohne sichtbar einzugreifen. Dabei verhält sie sich sehr liberal, sie verfolgt uns nicht, besprüht uns nicht mit Pfefferspray und sperrt uns nicht in Gefängniszellen. Aber sie animiert uns dazu, unser Handeln zu überdenken. Sie fordert uns zu Ehrlichkeit und Gerechtigkeit auf. Nicht nur gegenüber uns selbst, unserer Familie oder unserem Volk, sondern allumfassend:
 - gegenüber allen Aspekten unserer Wirklichkeit und
 - gegenüber allen Wesen und Dingen.
     Beweisen lässt sich die Existenz dieser Polizeitruppe derzeit noch nicht. Das ist auch kein Wunder, denn unsere Kultur basiert auf Materialismus, wissenschaftlicher Vernunft und der Überzeugung, dass sich alles von A nach B bewegt.
     Aber jede Kultur kann man ändern.


Falls Sie den ersten Teil verpasst haben - hier ist der Link:

Die Philosophie der Unendlichkeit - Teil 1

Mehr über den Autor:   www.elkvonlyck.de






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