Montag, 26. Dezember 2011

Heesters und die Holländer


Johannes Heesters ist tot. In Deutschland waren die Nachrufe überwiegend positiv, Journalisten und Politiker hoben die herausragende Bedeutung Heesters` als Künstler und Mensch hervor. In den Niederlanden ging man weit kritischer mit ihm um. Die Nachrichtenagentur ANP betitelte ihren Nachruf mit Heesters: verehrt und angespuckt. In vielen Berichten wurde auf seinen Besuch im Konzentrationslager Dachau im Jahr 1941 hingewiesen.
Heesters ist in seiner Heimat bis heute umstritten. Noch im Jahr 2008 kam es in Den Haag bei einem Konzert zu einer Demonstration gegen den Sänger, bei der u.a. Plakate hochgehalten wurden, auf denen er als der singende Nazi (siehe Foto) bezeichnet wurde, oder auf denen zu lesen war: Mein Großvater war in Dachau - als Häftling.

Wie kommt es dazu? Wie kann es sein, dass in einer modernen aufgeklärten Gesellschaft so viel Hass und Verachtung existieren? Geht es wirklich nur darum, die Erinnerung an Krieg und Gewaltherrschaft wachzuhalten?

Eindeutig nein. Bei genauer Betrachtung erkennt man, dass die Niederländer - ähnlich wie unsere übrigen Nachbarn - in ihrer Geschichtswahrnehmung äußerst schizophren sind. Zwei Beispiele dazu:

1. Das Nationalmonument in Amsterdam - ein Mahnmal für die Opfer der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg. Im Sockel des Obelisken sind zwölf Urnen eingelassen, die Erde aus den elf (damaligen) niederländischen Provinzen enthalten - und aus Indonesien. Der südasiatische Inselstaat war über 300 Jahre von Niederländern besetzt. Sie haben es also tatsächlich fertiggebracht, ein Mahnmal gegen Gewalt und Unterdrückung zu errichten, das in sich selbst ein Element von Gewalt und Unterdrückung birgt.
Und mal ganz nebenbei: Woran erinnert Sie dieses Symbol? : )


2. Das Niederländische Institut für Kriegsdokumentation (NIOD). Diese Einrichtung wurde ursprünglich gegründet, um die Besetzung der Niederlande und Niederländisch-Ostindiens während des Zweiten Weltkriegs zu dokumentieren. Inzwischen ist das Forschungsgebiet auf das gesamte zwanzigste Jahrhundert ausgedehnt. Ausgenommen ist jedoch die niederländische Kolonialgeschichte - und somit auch jene Verbrechen, die von Niederländern begangen worden. Und davon gibt es so einige.

Zum Beispiel der Volksaufstand auf Java, dem zwischen 1825 und 1830 mehr als 200.000 Einheimische zum Opfer fielen. Das ist lange her, könnte man entgegnen. Die Gewalttaten hielten jedoch bis zum Ende des Kolonialismus an. Das Massaker von Rawagede  beispielsweise fand 1947 statt. Informationen zu diesen und ähnlichen Themen sind aber nur äußerst schwer zu bekommen.

Also: Warum regen sich die Niederländer so sehr über die Verbrechen anderer auf - nur nicht über die eigenen Verbrechen? Wie kann sich ein Volk, das über Jahrhunderte hinweg schlechte Beispiele gegeben hat, das an Kriegen, Völkermorden und Sklaverei beteiligt war, als unschuldiges Opfer fühlen?

Auch hier müssen ungeklärte Gefühle aus Ursache vermutet werden. In den Niederlanden schwelen unter der scheinbar liberalen Oberfläche verdrängte Angst, Hass, Schuld- und Schamgefühle. Diese Gefühle suchen nach Ausdruck, suchen nach einer Projektionsfläche. Ein alter Mann, der sich nicht mehr wehren kann, eignet sich dafür natürlich besonders gut.

Es ist Zeit, endlich ehrlich zu sein, die gesamte Geschichte der Menschheit aufzuarbeiten. Das Menschsein basiert nicht auf gedanklicher Vernunft, sondern auf Gefühlen. Dafür ließen sich noch viele weitere Beispiele anführen. Etwa der Konflikt zwischen Frankreich und der Türkei wegen des Völkermordes an den Armeniern. Und an den Algeriern. Oder die weltweite Schuldenkrise. Oder die Umweltzerstörung. All das sind unbeherrschte Gefühle.

Die Menschheit hat kein Ziel zu erreichen und keinen Auftrag zu erfüllen. Wir müssen nur entscheiden, wer wir sein wollen, welche Gefühle wir zum Ausdruck bringen wollen: Angst, Leid und Wut - oder Mut, Zuversicht und Liebe? Wollen wir die alten Konflikte ewig fortführen - oder wollen wir endlich zu neuen Ufern aufbrechen?


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