Montag, 17. Oktober 2011

Vor 50 Jahren - Massaker von Paris

Heute jährt sich zum fünfzigsten Mal das Massaker von Paris. Viele Menschen werden nun wahrscheinlich fragen: Ist das nicht ein Schreibfehler? Müsste es nicht heißen zum siebzigsten Mal? Nein, es ist richtig, dieses Massaker ereignete sich 1961.

Hier das Wichtigste in Kurzform: Der Algerienkrieg wütete von 1954 bis 1962. Aber weil die meisten auch mit dem Stichwort Algerienkrieg nichts anfangen können, sei für sie gesagt, dass Frankreich das nordafrikanische Land seit 1848 als festen Bestandteil seines Territoriums ansah. Von Beginn an haben sich freiheitsliebende Algerier dagegen gewehrt, es kam zu zahlreichen Aufständen, allein während der letzten Phase zwischen 1954 und 1962 starben zwischen 350.000 und 1,5 Millionen Menschen.

Zurück ins Jahr 1961. Weil damals bereits absehbar war, dass die Franzosen den Krieg verlieren würden, rief die Unabhängigkeitsbewegung FLN zu einer Demonstration in Paris auf - die jedoch nicht genehmigt wurde. Zwei Wochen zuvor war eine nächtliche Ausgangssperre für Franzosen algerischer Herkunft erlassen worden. Hintergrund ist, dass die FLN erstmals Anschläge auf französischem Boden begangen hatte, Opfer waren meist Polizisten. Entsprechend gereizt war die Stimmung.

Was genau am 17. Oktober 1961 geschah, lässt sich nicht rekonstruieren. Offenbar hat eine regelrechte Jagd auf Algerier stattgefunden. Sicher scheint zu sein, dass die französische Polizei etwa 14.000 Menschen festnahm, teilweise blieben sie mehrere Tage unter freiem Himmel interniert. Mehrere Tausend wurden verletzt, vermutlich gab es zweihundert bis dreihundert Tote. Noch Wochen später barg man Leichen aus der Seine.

Der offizielle Polizeibericht hingegen spricht von drei Toten: zwei Algeriern und einem Franzosen, der einen Herzinfarkt erlitt. So berichteten es auch die Zeitungen damals. Obwohl Hundertausende Menschen Zeugen des Pogroms gewesen sein mussten - immerhin geschah es mitten in der Millionenstadt Paris -, schwiegen sich nahezu alle Medien darüber aus - und viele schweigen heute noch.

Eine ehrliche Aufarbeitung des Massakers hat bis heute nicht stattgefunden, sie kann auch nicht mehr stattfinden, denn eine Amnestie für alle im Zusammenhang mit dem Algerienkrieg begangenen Verbrechen (und davon gab es sehr viele) verhindert eine Anklage der Täter.

Besonders grotesk erscheint in diesem Zusammenhang die Leidenschaft, mit der die Franzosen die Verbrechen der Deutschen aufarbeiten. Im Jahr 2006 etwa erschien der Roman DIE WOHLGESINNTEN von Jonathan Littell, der den Völkermord an den Juden thematisiert. Er erhielt den Prix Goncourt, den höchsten französischen Literaturpreis, bereits ein Jahr später waren im Land 700.000 Exemplare verkauft. Romane über den Algerienkrieg oder das Massaker von Paris wurden bisher nicht ausgezeichnet. 

Eine Frage bleibt noch: Wenn darüber bis heute geschwiegen wird - worüber wird noch geschwiegen?

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