Donnerstag, 27. Oktober 2011

Filmkritik - Jud Süß - Film ohne Gewissen - auf DVD

Inhalt:

Berlin 1939: Propagandaminister Joseph Goebbels, dargestellt von Moritz Bleibtreu, plant, die Lebensgeschichte von Joseph Süß Oppenheimer zu verfilmen. Da dieser einer der bekanntesten jüdischen Geldverleiher war, ist natürlich keine filmische Huldigung geplant, sondern ein Propagandafilm der übelsten Sorte. Allerdings gibt er das nicht offen zu, nach außen hin fordert Goebbels einen „Kunstfilm“. Hinter diesem verharmlosenden Begriff werden sich später viele der Beteiligten verstecken - auch Hauptdarsteller  Ferdinand Marian (Tobias Moretti), ein bis dahin mittel-mäßig erfolgreicher Schauspieler aus Österreich.
Zunächst weigert sich Marian, die Rolle zu übernehmen. Wie so viele andere Schauspieler auch, will er mit den braunen Machthabern nicht mehr zu tun haben, als unbedingt nötig. Goebbels setzt ihn jedoch unter Druck, und es lockt eine große Karrierechance...


Bewertung:

Der Film kann nicht einheitlich bewertet werden. Tobias Moretti spielt großartig, verleiht der Figur des Ferdinand Marian Zwischentöne und Feinheiten, die man bisher nicht von ihm kannte. Was jedoch Moritz Bleibtreu dazu bewogen hat, Joseph Goebbels zu solch einer grotesken Witzfigur zu machen, bleibt schleierhaft. Vielleicht hatte er Angst, der Propagandachef der Nazis könnte zu menschlich wirken, wenn er sich etwas zurücknehmen würde, er ihn vielleicht sogar mit einer Portion Charme ausstatten würde, die Goebbels zweifelsohne besaß?
Hier tut sich eine interessante Parallele zu Bruno Ganz` Hitler in „Der Untergang“ auf. Auch dem großen Schweizer Schauspieler hatte man damals vorgeworfen, er hätte den Diktator zu menschlich dargestellt, als einfühlsamen Charmeur, der die Fähigkeit zur Selbstkritik besaß, am Ende des Films würde das Publikum gar Mitleid mit dem kranken alten Mann empfinden. Wenn diese Entwicklung anhält, werden deutschsprachige Schauspieler in Nazi-Rollen demnächst nur noch keifen, blöken und bellen.

Regisseur Oskar Roehler nimmt sich einige künstlerische Freiheiten heraus, so macht er etwa Marians Ehefrau, die in Wirklichkeit Katholikin war, zur Halbjüdin, wofür er von Teilen der Presse scharf kritisiert wurde. Natürlich ist das sein gutes Recht, schließlich handelt es sich hierbei um einen Spielfilm, nicht um eine Dokumentation. Die Szene jedoch, in der Soldaten bei einer Vorführung des Filmes plötzlich in dumpfe „Jude! Jude! Jude!“-Rufe ausbrechen, ist ebenso dumm wie peinlich. So einfach funktioniert Propaganda nun auch wieder nicht.
Dennoch tut sich hier eine weitere interessante Parallele auf, und zwar zu dem Tarentino-Film Inglerious Basterds, in dem ebenfalls eine Filmvorführung zur Groteske verkommt und Hitler, Goebbels und Konsorten erschossen werden - die Filmemacher überschätzen sich selbst maßlos. Die Menschheit ist keine dumpfe blöde Masse, sie muss nicht von einer Handvoll elitärer Künstler gerettet werden.

Das Theater, das um Roehlers „Film ohne Gewissen“ gemacht wurde, ist ohnehin interessanter als der Film selbst. Einige Kritiker ließen sich gar zu der Behauptung hinreißen, Roehler sei der Faszination der Propaganda erlegen und hätte selbst einen Propagandafilm gemacht. Der Zentralrat der Juden forderte zeitweilig, der Film müsse verboten werden, weil er den Antisemitismus nicht angemessen darstelle und Ausschnitte aus dem Originalfilm zeige. Inzwischen wurde diese Forderung allerdings wieder zurückgenommen.
Wenn der Film doch bloß auch so aufregend wäre!    

Anmerkungen zur DVD:

Vorbildlich. Als Bonusmaterial gibt es ein Making of, Interviews mit dem Spielleiter und den Hauptdarstellern, eine Dokumentation von dreißig Minuten Länge über die Propagandafilme des Dritten Reichs und ein schön gestaltetes Booklet mit weiteren Informationen. So müssten alle DVDs ausgestattet sein. 

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