Dienstag, 11. Oktober 2011

Euro und Multikulti - Chance oder Risiko?


Ein neuer Rettungsschirm wurde für den Euro gespannt, trotzdem erholt sich die kränkelnde Gemeinschaftswährung nicht. Die Schuldenländer verpassen ihre Sparziele, Rating-Agenturen stufen sie herab, Banken geraten in Not und müssen verstaatlicht werden, Bürger demonstrieren und streiken. Wahrscheinlich ist das erst der Anfang. Die Rettungsmaßnahmen werden gewiss mehrere Hundert Milliarden Euro verschlingen, vielleicht sogar mehr als eine Billion. Da wir nicht noch mehr Schulden aufnehmen können, muss das Geld eingespart werden. Aber wo?

Normalerweise spart man dort, wo es die wenigsten Lobbyisten gibt, in den Bereichen Kultur, Bildung und Soziales.

Weil in der Kultur nicht mehr viel zu holen ist und selbst der dümmste Politiker mittlerweile kapiert haben sollte, dass Bildung unser einziger Rohstoff ist, wird der größte Teil der Umschichtung sicher den Sozialbereich treffen. Menschen, die schon wenig haben, müssen mit noch weniger auskommen. Das ist nicht nur unmoralisch, es ist auch gefährlich, denn Europa ist zur multikulturellen Gesellschaft erklärt worden. Millionen Menschen wanderten in den Kontinent ein. Viele fanden Arbeit, erlernten die Landessprache, konnten sich integrieren. Anderen gelang das nicht, sie fanden keine Arbeit und sind noch immer in Sprache und Kultur ihrer Heimatländer verhaftet. Bislang wurden sie kaum auffällig, weil sie Transferzahlungen erhielten, teilweise so viel, dass es sich für sie nicht lohnte, eine bezahlte Arbeit aufzunehmen.

Was aber geschieht, wenn wir uns die Transferzahlungen nicht mehr leisten können? Werden die Nichtintegrierten weiterhin ruhig bleiben – oder werden sie sich mit Gewalt holen, was ihnen scheinbar zusteht?
So wie es jüngst in England geschah.
Was ist mit denjenigen, die die Rechnung zahlen sollen? Werden sie einen hohen Teil ihres Einkommens abgeben, um diejenigen zu unterstützen, die nicht in der Lage oder nicht willens sind, ihren Lebensunterhalt – den von Personen und den von Staaten – selbst aufzubringen? Wird derjenige, der gibt, am Ende weniger haben als derjenige, der nimmt?
Wer diese Fragen für ketzerisch hält, sollte einmal den Zustand von Schulen, Rathäusern und Museen im Ruhrgebiet mit jenen in Spanien oder Irland vergleichen. Oder die U-Bahn von Berlin der Athener U-Bahn gegenüberstellen.
Der Unmut wächst in Europa.

Man könnte nun entgegnen: Aber wir wollten doch Europa! Wir haben doch die Beschlüsse zum Euro gefasst! Und zur multikulturellen Gesellschaft!

Genau hier liegt das Problem. Wir, die Bürger, haben die Beschlüsse nicht gefasst. Die Entscheidungen wurden von oben herab verordnet, wie in einem Obrigkeitsstaat traditioneller Prägung. Die zwei wichtigsten Entscheidungen der letzten Jahrzehnte – über Finanzen und Wirtschaft und über das Wesen unserer Gesellschaft – sind nicht demokratisch legitimiert. Sie wurden getroffen von einer relativ kleinen Gruppe von Politikern, Managern und Medienleuten, die Talkshow ist längst schon das Ersatzparlament. Einfache Bürger werden nicht gefragt, sie dürfen nur bei Wahlen ihre Stimme abgeben. Dann ist sie weg und kommt erst nach Jahren wieder.

Die Entscheidung der Oberen lautete, die Einheit mit Gewalt zu erzwingen. Wir müssen alle dieselbe Währung haben, wir müssen im selben kulturellen Raum leben, und demnächst werden wir auch eine zentrale Wirtschaftsregierung haben. Aber entspricht das unserer Lebenswirklichkeit, entspricht das unseren Wünschen? Sind wir schon bereit für die Einheit?

Betrachten wir einmal die Lebensweise in Europa. Beginnen wir mit der Politik. Sie ist nicht einheitlich, sie ist gespalten. Bei Wahlen treten Parteien gegeneinander an, es gibt Gewinner und Verlierer. Die einen übernehmen die Regierung, die anderen gehen in die Opposition.
In der Kultur ist jedes Land und jede Bevölkerungsgruppe - Einheimische und Zugewanderte - stolz auf die eigenen Errungenschaften, auf Sprache, Kunst und Traditionen, man will sich bewusst von den anderen abgrenzen.
Bücher, Filme und Theaterstücke handeln meist von Konflikten. Individuen und Gruppen stehen sich gegenüber und ringen miteinander.
Die Ereignisse, die das meiste Interesse erzeugen, sind keine jedoch keine politischen oder kulturellen, es sind die Sportwettkämpfe. Bei Fußballmeisterschaften treten Städte und Nationen gegeneinander an, bei den Olympischen Spielen kämpfen einzelne Athleten und Mannschaften gegeneinander. Am Ende gibt es einen Gewinner und viele Verlierer.

Mit anderen Worten: Unsere Gesellschaft basiert auf dem Prinzip Teilung. Trotzdem wird die Einheit von oben herab verordnet. Das kann nicht funktionieren - zumindest jetzt noch nicht. Besser wäre es, wenn wir die Einheit langsam entwickeln. Sie muss sich ausbreiten, über alle Schichten der Bevölkerung, über alle Länder, sie muss Teil unseres Bewusstseins werden.
Jeder sollte über die Prinzipien von Teilung und Einheit nachdenken. Insbesondere aber Künstler und Geisteswissenschaftler sind aufgerufen, Vorschläge zu machen. In den letzten Jahren haben wir nicht mehr viel von den Intellektuellen gehört. Die Überwindung der alltäglichen Trennung wäre ein lohnendes Betätigungsfeld.
  
Wenn wir nicht darüber nachdenken, wenn wir planlos handeln, werden wir scheitern. Der Euro ist das beste Beispiel.       

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