Sonntag, 3. Juli 2011

Hemingway - ein Kriegsverbrecher?


Am 02.07.11 jährte sich der Todestag von Ernest Hemingway zum fünfzigsten Mal. Aus diesem Anlaß erschienen etliche Beiträge in den Medien, die ihn zumeist als einen der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts würdigten. In einigen schwang jedoch ein kritischer Unterton mit, man deutete an, Hemingway könnte ein Kriegsverbrecher sein, Ursache seien Ereignisse aus der Spätphase des Zweiten Weltkriegs.

Worum geht es genau? In den achtziger Jahren tauchte ein Brief auf, den Hemingway 1950 an den Literaturwissenschaftler Arthur Mizener schrieb, aber nie abschickte. Darin behauptete er u. a., er hätte in beiden Weltkriegen 122 "Krauts" getötet. Zwei Fälle schilderte in allen Einzelheiten. Einem jungen deutschen Soldaten, der mit dem Fahrrad fliehen wollte, schoss er angeblich in den Rücken, und einen SS-Mann tötete er während eines Verhörs, weil dieser ihm patzige Antworten gab. Zumindest wegen der zweiten Tat hätte Hemingway vor ein Kriegsgericht gestellt werden müssen - wenn er sie denn begangen hat. Doch daran muss ernsthaft gezweifelt werden. Vor allem zwei Gründe sprechen dagegen.
Erstens wurde Hemingway, der damals bereits ein berühmter Mann war, fast ständig von Offizieren begleitet, die sicher ein Auge auf ihn hatten. Zweitens: Hemingway war zu dieser Zeit psychisch angeschlagen, vielleicht sogar psychisch krank. 1948 verliebte er sich in die junge italienische Aristokratin Adriana Ivancich, die ihn jedoch abwies - Hemingway war ihr schlicht zu alt. Dadurch wurde ihm vermutlich schmerzhaft bewusst, dass er die Abenteuer seiner Jugend - Männlichkeitsrituale, Jagd auf Großwild und Frauen - wohl nicht mehr erleben würde. Und auch viele dieser Abenteuer waren in der Vergangenheit nicht tatsächlich geschehen, sondern nur in der Fantasie des Autors. Das beste Beispiel ist seine Affäre mit der Tänzerin und Spionin Mata Hari. Angeblich verlebten sie nach seinem Eintreffen in Paris im Jahr 1921 eine glückliche Zeit miteinander - doch da war sie bereits seit vier Jahren tot.

Hemingway war also ein genialer Autor und Künstler, aber auch ein Großmaul und Fantast. In den letzten Jahren seines Lebens gerieten die Rollen zusehends durcheinander, er wurde depressiv und alkoholabhängig. Die Krankheiten gipfelten schließlich in seinem Selbstmord 1961. Aber immerhin gelang es ihm zuvor, ein großartiges Werk zu schaffen.
Und dafür war der Preis, den er zu zahlen hatte, nicht zu hoch bemessen, wie ich finde.
Mehr über den Autor: www.elkvonlyck.de

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